Wenn Bauplaner keine SIA-Planerverträge abschliessen wollen

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Gelegentlich stosse ich bei kleineren Bauvorhaben auf den Fall, dass Planerverträge für Architektenarbeiten abgeschlossen werden, die nicht auf der SIA-Honorarordnung 102 (Architekten) basieren. In der Regel handelt es sich dabei um sehr knappe, völlig frei konzipierte Verträge. Sie werden ausgearbeitet von Einzelplanern oder kleineren Bauplanungsteams, die nicht Mitglied des SIA (Schweizerischer Architekten- und Ingenieur-Verein) sind. Die Planer begründen ihr Vorgehen etwa damit, dass der SIA samt seinem Normensystem als eher elitäre Organisation zu betrachten sei, in die sie als pragmatische und kleine Bauplaner schlecht hineinpassen würden. Zudem seien die Honorare, die gemäss der SIA-Honorarordnung 102 ermittelt würden, schlicht zu hoch. Ihr praxisbezogenes Vorgehen erlaube es, deutlich günstiger zu arbeiten als gemäss der Honorarberechnung «nach SIA».

Was ist vom Vorgehen zu halten, die SIA-Welt bei Planerverträgen zu meiden? Und wie soll sich die Bauherrschaft dazu stellen? Auf diese Fragen gehen wir in diesem längeren Beitrag ein.

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A. Von Bauplanern, die SIA-Planerverträge meiden

Bei den Bauplanern, welche die SIA-Honorarordnung 102 nicht anwenden und keine SIA-Planerverträge abschliessen wollen, kann es sich um gelernte Bauhandwerker handeln, die sich zum Bauplaner weitergebildet haben. Sie sind zwar ausgebildete Architekten oder Bauleiter, aber sie gehören oft weiterhin zu einem Handwerksbetrieb der Bauwirtschaft.

Beispiel

Betrachten wir dazu ein fiktives, aber realitätsnahes Beispiel. Es geht um einen mittelgrossen Metallbaubetrieb, der seit Jahrzehnen existiert. Das Unternehmern wird von einem Patron geführt, der in wenigen Jahren pensioniert werden wird. Sein Sohn ist auch in der Firma tätig. Er hat zuerst Metallbauer gelernt, später dann noch eine Ausbildung als Architekt angehängt. Er beschäftigt sich vor allem mit der Bauplanung von Projekten, die dann später vom familieneigenen Metallbaubetrieb ausgeführt werden. Als projektierender (entwerfender) Architekt ist er eher selten tätig, aber als Ausführungsarchitekt und Bauleiter ist er sehr versiert und hat einen guten Ruf. Im Herzen ist er aber immer noch Handwerker geblieben. Der Metallbau ist seine Welt. Der SIA dagegen ist für ihn sehr weit entfernt.

Der Sohn könnte sich nicht vorstellen, SIA-Mitglied zu werden. Er hat eine dumpfe Abneigung gegen die gemäss seinem Gefühl eher akademische Welt des SIA. Was ihn aber genau stört, kann er nicht so klar benennen.

Bezüglich der SIA-Honorarordnung 102 (Architekten) ist seine Haltung aber eindeutig. Da er immer wieder ähnliche Planungsaufgaben bearbeitet, weiss er sehr genau, welchen zeitlichen Aufwand er damit hat. Seiner Ansicht nach stimmt dies überhaupt nicht überein mit den Honoraren, die sich ergäben, wenn er sie SIA-Honorarordnung 102 anwenden würde. Die Honorare wären dort viel höher. Darum lehnt er die Anwendung dieser Honorarordnung eindeutig und mit einer gewissen Empörung ab.

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B. Ein erster Blick in einen frei konzipierten Planervertrag

Der Bauplaner aus dem Metallbaubetrieb, den wir im letzten Abschnitt kennengelernt haben, schliesst keine SIA-Planerverträge ab. Betrachten wir nun ein konkretes Beispiel eines von ihm selber aufgesetzten (fiktiven) Vertrags. Wir stellen sofort fest, dass sich das Dokument radikal von einem Honorarvertrag «nach SIA» unterscheidet.

Der Planervertrag besteht eigentlich nur aus einem Beschrieb von Planerleistungen, ergänzt mit Pauschalpreisen. Im konkreten Fall umfasst er folgende fünf Positionen:

  • Pos 1 Ausführungsplanung
  • Pos 2 Kostenplanung
  • Pos 3 Submission/Werkverträge
  • Pos 4 Bauleitung / Terminplanung / Kostenkontrolle
  • Pos 5 Abschlussdokumentation

Der Textumfang für den ganzen Leistungsbeschreib umfasst nur zwei Seiten. Das Planerangebot, das nach der Bestellung zum Planervertrag wird, hat also auf zwei Seiten Platz.

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Beispiel einer Leistungsposition

Aus dem Beschreib mit den fünf Leistungspositionen greifen wir eine davon heraus, und zwar die Position 3 Submission / Werkverträge.


Pos 3 Submission / Werkverträge

Erstellung von Leistungsbeschrieben für folgende Arbeitsgattungen:

  • Baumeister
  • Gerüst
  • Heizungsinstallationen
  • Sanitärinstallationen
  • Lüftungsinstallationen
  • Elektroinstallationen
  • Gipserarbeiten
  • Unterlagsböden; Hartbetonbeläge
  • Spezielle Dichtungen bei Betonbauteilen
  • äussere Oberflächenbehandlungen
  • Sonnenschutz
  • Zimmerarbeiten
  • Wand- und Bodenbeläge
  • Umgebungsgestaltung
  • Baureinigung

Für die Kücheneinrichtung und das Cheminée werden keine Leistungsbeschriebe erstellt. Darum kümmert sich die Bauherrschaft selber, zusammen mit einem Innenarchitekten.

(Es folgen einige wenige Detailvereinbarungen zum Ablauf vom Versand der Unterlagen bis zur Vergabe, auf die wir nicht näher eingehen.)

Preis pauschal 15’000 Fr.


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Ähnlichkeit mit Beschrieb für Werkleistungen

Der Beschrieb der Planerleistungen gemäss obigem Beispiel ist ähnlich aufgebaut wie der Beschrieb für Leistungen eines Werkunternehmers. Diese Ähnlichkeit ist auch nicht erstaunlich, denn das kleine Planungsbüro ist eingebettet in ein Werkunternehmen (Metallbaubetrieb). Beim grössten Teil der Geschäftstätigkeit der Firma geht es um Werkleistungen (Metallbauarbeiten). Da erstaunt es nicht, dass auch die wenigen Planungsleistungen auf eine ähnliche Weise beschrieben werden.

 

C. Zum Vergleich: Hauptmerkmale eines typischen SIA-Planervertrags

Im Vergleich zum oben beschriebenen frei konzipierten Architektenvertrag gemäss Abschnitt B ist ein Planervertrag nach SIA ausgesprochen standardisiert. Er basiert im Normalfall auf zwei juristischen Hilfsmitteln: dem SIA-Mustervertrag und der SIA-Honorarordnung 102.

SIA-Mustervertrag

Der SIA-Mustervertrag für Planungsleistungen (1001/1 Planer-/Bauleitungsvertrag; Ausgabe 2014) hat die Form eines Formularvertrags. Er ist modular aufgebaut, damit er für ein breites Spektrum von Planerverträgen verwendet werden kann (Verträge mit Architekten, Bauingenieuren, Generalplanern etc.). Mehrheitlich geht es beim Ausfüllen des formularartigen Vertrags darum, bei den einzelnen Ziffern des Vertrags aus einem breiten Spektrum von Wahlmöglichkeiten auswählen, was für die betreffende Planungsaufgabe massgebend ist. Nur einzelne Teile des Formularvertrags müssen frei formuliert werden.

Zudem weist der Formularvertrag normalerweise diverse Beilagen auf, die mehrheitlich auch stark standardisiert sind (Leistungstabelle; Honorarberechnung etc.).

SIA-Honorarordnung 102 (Architekten)

Das zweite juristische Hilfsmittel für einen Architektenvertrag ist die SIA-Honorarordnung 102 (Architekten). Der volle Name der aktuell gültigen Ordnung hat die Bezeichnung «Ordnung SIA 102 (2014): Ordnung für Leistungen und Honorare der Architektinnen und Architekten». Da diese Bezeichnung ein wenig sperrig ist, verwende ich nachfolgend in diesem Beitrag abgekürzt die Bezeichnung «SIA-Honorarordnung 102 (Architekten)».

Die Ordnung beschreibt in standardisierter Form den üblichen Planungsablauf bei der Architektenarbeit, und zwar primär anhand eines umfangreichen Leistungsbeschriebs (Art. 4 SIA 102; 2014). Sie enthält zudem die einschlägigen Methoden der Honorarberechnung. Die häufigste ist in Artikel 7 beschrieben (Honorarberechnung nach den aufwandbestimmenden Baukosten; Art 7 SIA 102; 2014).

Weitere wichtige Bestandteile der SIA-Honorarordnung 102 (Architekten) sind (nicht abschliessend) die Allgemeinen Vertragsbedingungen (AVB) oder Vereinbarungen zur Gesamtleitung.

Zusammenfassend halten wir fest, dass ein Architektenvertrag nach SIA im Normalfall aus zwei Teilen besteht: einem ausgefüllten Mustervertrag mit diversen Beilagen (z.B. einer Tabelle mit den übertragenen Architektenleistungen) und einer unveränderlichen Vertragsbeilage in Form der SIA-Honorarordnung 102 (Architekten).

Literaturhinweis
Eine detaillierte Beschreibung der oben nur kurz angesprochenen juristischen Hilfsmittel (SIA-Mustervertrag für Planerleistungen sowie SIA-Honorarordnung 102) ist in folgendem Buch von mir zu finden:

Bauplanerhonorare – Ratgeber für Bauherren (2017)
nähere Angaben zum Buch befinden sich hier>>>

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Die ausgewählte Planerleistung im SIA-Gewand

Wir kehren nun zurück zum frei konzipierten Planervertrag gemäss Abschnitt B. Wir haben dort eine Planerleistung ausgewählt und genauer betrachtet, und zwar die Position 3 Submission / Werkverträge. Wie müsste man nun vorgehen, um die genau gleiche Planerleistung im SIA-Umfeld zu definieren?

Das zentrale Instrument des SIA zur Vereinbarung einer Planungsleistung ist die so genannte Leistungstabelle. Diese überaus wichtige Tabelle befindet sich sowohl im Mustervertrag wie in der Honorarordnung. In der SIA-Honorarordnung 102 (Architekten) ist sie unter Artikel 7.7 Abs. 3 zu finden.


Leistungstabelle gemäss SIA-Honorarordnung 102 (Architekten)
Art. 7.7 SIA 102; Ausgabe 2014

19-12-2018_kein_SIA_Vertrag_1

Tabelle durch Autor vereinfacht;
Angaben zu den Phasen 1, 2 und 6 gekürzt


Bei der ausgewählten Planerleistung handelt es sich um den Leistungsbereich «Ausschreibung und Vergabe» in der Teilphase 4.41 «Ausschreibung, Offertvergleich, Vergabeantrag». In der Tabelle ist auch festgehalten, dass dieser Leistungsbereich 8 Prozentanteile umfasst von 100, bezogen auf die Gesamtheit der üblichen Planerleistungen. Dieser Prozentwert wird primär dann gebraucht, wenn das Planerhonorar anhand der üblichen SIA-Honorarformel ermittelt wird (Honorarberechnung nach den aufwandbestimmenden Baukosten; Art. 7 SIA 102; Ausgabe 2014).

Wenn nun im Mustervertrag festgelegt ist, welche Leistungsbereiche gemäss Leistungstabelle erbracht werden sollen (konkret der Leistungsbereich «Ausschreibung und Vergabe» in der Teilphase 4.41 «Ausschreibung, Offertvergleich, Vergabeantrag»), ist die Planerleistung grundsätzlich definiert.

Nun kommt ein anderer Teil der Honorarordnung ins Spiel, und zwar der Leistungsbeschrieb (Art. 4 SIA-Honorarordnung 102; Ausgabe 2014). Dieser Leistungsbeschrieb ist sehr umfangreich und umfasst gesamthaft an die 20 Seiten.

Die Teilphase 4.41 «Ausschreibung, Offertvergleich, Vergabeantrag», zu welcher der Leistungsbereich «Ausschreibung und Vergabe» gehört, ist hier auf zwei Seiten beschrieben.

Beim Leistungsbereich «Ausschreibung und Vergabe», der uns im Hinblick auf den Vergleich mit dem frei konzipierten Planervertrag besonders interessiert, finden wir sechs Textblöcke mit Planungstätigkeiten des Architekten. Nachfolgend ist ein ausgewählter Textblock dargestellt.

(Beginn Zitat)
Aufstellen der Pflichtenhefte mit den Preiseingabeformularen für die Arbeiten und Lieferungen bzw. Durchsicht der von Fachplanern erstellten entsprechenden Unterlagen, Gliederung der Ausschreibungsunterlagen gemäss dem Kostenvoranschlag, Angabe der voraussichtlichen Ausführungstermine.
(Ende Zitat) 

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D. Wesensmerkmale des frei konzipierten Planervertrags

Nachdem wir uns im Abschnitt C mit den Hauptmerkmalen eines typischen Planervertrags nach SIA vertraut gemacht haben, kehren wir wieder zum frei konzipierten Planervertrag zurück, dem eigentlichen Thema dieses Beitrags. Im Abschnitt B haben wir einen Ausschnitt aus diesem Vertrag kennengelernt. Durch welche Eigenschaften zeichnet sich ein frei konzipierter Planervertrag aus?

D1. Kein Bezug zur SIA-Honorarordnung 102

Weder im Angebot noch im Planervertrag wird Bezug genommen auf die Honorarordnung 102. Sie wird schlicht nicht erwähnt und ist somit kein Vertragsbestandteil.

Die vorformulierten umfangreichen Vereinbarungen zur Planungstätigkeit, die in der SIA-Honorarordnung 102 enthalten sind, werden somit nicht in den konkreten Planervertrag übernommen.

Dies betrifft insbesondere die folgenden ausgewählten wichtigen Sachbereiche:

— Allgemeine Vertragsbedingungen (AVB)
Art. 1 SIA-Honorarordnung 102; Ausgabe 2014

— Vereinbarungen zur Gesamtleitung
Art. 3.4 SIA-Honorarordnung 102; Ausgabe 2014

— Leistungsbeschrieb
Art. 4 SIA-Honorarordnung 102; Ausgabe 2014

Auf die genannten fehlenden Sachbereiche aus der SIA-Honorarordnung 102 gehe ich in einem Abschnitt weiter hinten in diesem Beitrag ein («Frage 4: Was sind die Gefahren eines völlig frei konzipierten Planervertrags?»).

D2. Pragmatische Gliederung und Bezeichnung der Planungsleistungen

Die Planungsleistungen werden im frei konzipierten Planervertrag projektbezogen und pragmatisch bezeichnet. Dabei hält man sich ungefähr an die Gliederung der Planungsleistungen nach SIA-Honorarordnung 102, aber nicht allzu streng. Man behält sich die Freiheit vor, andere Begriffe zu verwenden oder die Planungstätigkeiten anders zu gliedern.

Beispiel 1:
Im frei konzipierten Leistungsbeschrieb heisst die ausgewählte Leistungsposition «Submission / Werkverträge». Diese ist eine Abweichung gegenüber den standardisierten Begriffen in der SIA-Honorarordnung 102. Dort spricht man von «Ausschreibung und Vergabe» und nicht von «Submission».

Beispiel 2:
Die Werkverträge sind in der SIA-Honorarordnung 102 ein eigenständiger Leistungsbereich. Im frei konzipierten Leistungsbeschrieb dagegen werden die Werkverträge nicht separat betrachtet, sondern mit der «Submission» zusammengefasst.

Bei der ausgewählten Planungsleistung «Pos 3 Submission / Werkverträge» sind die Abweichungen zwischen den standardisierten Planungsabläufen gemäss SIA-Honorarordnung 102 und dem frei konzipierten Leistungsbeschrieb klein. Dies dürfte in der Praxis häufig der Fall sein, denn das Planen und Bauen ist in den meisten Fällen ähnlich und kann kaum neu erfunden werden.

D3. Individueller Leistungsbeschrieb für die Planungstätigkeit

Wie bereits erwähnt, enthält die SIA-Honorarordnung 102 einen umfangreichen Leistungsbeschrieb, in dem die Planungsleistungen in standardisierter Form beschrieben sind (Art. 4 SIA-Honorarordnung 102; Ausgabe 2014). Bei einem SIA-Planungsvertrag reicht es meist, auf diesen Beschrieb zu verweisen. Ein zusätzlicher Beschrieb ist oft nicht nötig.

Da beim frei konzipierten Planungsvertrag die SIA-Honorarordnung nicht
übernommen wird, kann auch nicht darauf verwiesen werden. Darum ist für die Planungstätigkeit ein individueller Leistungsbeschrieb nötig.

Nehmen wir zur Veranschaulichung wieder den Leistungsbereich «Ausschreibung». Beim frei konzipierten Planungsvertrag beschreibt der Vertragsverfasser nicht nur die Arbeiten, die er im Bereich der Ausschreibung erbringt. Er führt sogar alle Ausschreibungen einzeln auf, um welche er sich kümmert (Baumeister; Gerüst; Heizungsinstallationen etc.). Für den nicht sachkundigen Bauherrn dürften diese zusätzlichen Informationen durchaus nützlich sein. Die abschliessende Auflistung der Arbeitsgattungen, für welche Submissionen durchgeführt werden, ist auch eine gute Basis für die Vorkalkulation des Planungsaufwandes.

Es gibt also grosse Unterschiede zwischen einem Vertrag nach SIA und einem frei konzipierten Vertrag. Bei einem SIA-Vertrag muss nicht viel mehr als anhand der Leistungstabelle angegeben werden, welche Leistungsbereiche ausgeführt werden. In einem frei konzipierten Vertrag dagegen wird zusätzlich mit Text beschreiben, worin die Leistung besteht.

D4. Knappes Vertragsdokument

Der frei konzipierte Planervertrag hat einen Textumfang von 2 Seiten, wie wir weiter vorne festgestellt haben. Im Vergleich dazu ist die Textmenge in einem SIA-Vertrag sehr viel grösser.

Der SIA-Mustervertrag (SIA 1001/1 Planer-/ Bauleitungsvertrag; Ausgabe 2014) umfasst 11 Seiten. Er kommt in der Form eines Formularvertrags daher, der ausgefüllt werden muss. Zusätzlich enthält er üblicherweise diverse Beilagen (Leistungstabelle; Honorarberechnung etc.).

Die SIA-Honorarordnung 102 (Architekten; Ausgabe 2014) umfasst 53 Seiten. Sie wird häufig gesamthaft als integrierender Bestandteil in den Planungsvertrag aufgenommen. Von den umfangreichen standardisierten Vereinbarungen wird allenfalls nur ein kleiner Teil effektiv gebraucht. Der Rest ist für alle denkbaren Anwendungsmöglichkeiten quasi auf Vorrat formuliert.

D5. Preise der Planungsleistungen pauschal angegeben

Im frei konzipierten Planervertrag werden die Preise der Planungsleistungen vom Bauplaner pauschal angegeben, und zwar pro Leistungsposition.

Beispiel:
Der Preis für die Leistungsposition 3 «Submission / Werkverträge» beträgt 15’000 Fr.

Die Preise werden vom Bauplaner vorkalkuliert aufgrund des zeitlichen Aufwandes, den er annimmt.

Die in der Praxis überaus wichtige Honorarformel des SIA zur Ermittlung der Honorare «Honorarberechnung nach den aufwandbestimmenden Baukosten» (Art. 7 SIA 102; Ausgabe 2014) wird also nicht vereinbart und auch nicht benötigt.

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Nun will ich auf einige Fragen eingehen, die sich für die Bauherrschaft bei der Anwendung eines frei konzipierten Planervertrags stellen können.

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Frage 1: Ist es legal, einen Planervertrag frei zu konzipieren?

Diese Frage ist natürlich eher rhetorischer Natur: Selbstverständlich ist es erlaubt, einen Planervertrag frei zu konzipieren, völlig losgelöst von allen Ordnungen und Normen des SIA.

Der SIA ist nämlich ein privater Verein, und es gibt daher im Bauwesen überhaupt keine Verpflichtung, einen Architektenvertrag auf der Basis der SIA-Honorarordnung 102 (Architekten) und mit einem SIA-Mustervertrag abzuschliessen.

Jetzt kommt ein grosses ABER: Es ist trotzdem weise, für einen Planervertrag die oben erwähnten juristischen Hilfsmittel zu verwenden. Ein Planervertrag auf der Basis der SIA-Honorarordnung 102, allenfalls zusätzlich noch unter Verwendung des SIA-Mustervertrags, erhöht nämlich die Rechtssicherheit. Der Bauherr kann dadurch wesentlich einfacher bestimmen, was genau er vom Planer will, und es ist klar, welche Rechten und Pflichten die Vertragsparteien haben.

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Frage 2: Trifft es zu, dass die Anwendung der SIA-Honorarordnung 102 das Architektenhonorar erhöht?

Wir erinnern uns daran, dass der Bauplaner in unserem fiktiven Beispiel die SIA-Honorarordnung unter anderem darum nicht anwenden will, weil die Honorare «gemäss SIA» viel höher seien als das Preisband, in dem er sich normalerweise bewege. Trifft diese Aussage zu?

Nein, diese Aussage trifft überhaupt nicht zu.

Man kann mit der SIA-Honorarordnung 102 und somit auch mit dem SIA-Mustervertrag alle einschlägigen Arten der Vergütung wählen, insbesondere auch Pauschalhonorare. Die Anwendung der traditionellen Honorarformel (Honorarberechnung nach den aufwandbestimmenden Baukosten; Art 7 SIA 102; Ausgabe 2014) dürfte in der Praxis zwar die häufigste Honorierungsart sein, es gibt aber durchaus auch andere Möglichkeiten. Es besteht überhaupt keine Verpflichtung, das Honorar anhand der SIA-Honorarformel zu bestimmen.

Abgesehen davon ergibt die SIA-Honorarformel gemäss Art. 7 SIA 102 nur ein mutmassliches Zeitbudget für die Planungsaufgabe. Die Stundenansätze müssen in jedem Falle vom anbietenden Planer eingesetzt werden. Somit ist auch ein Honorar «nach SIA» keine feste Grösse. Es bewegt sich regelmässig in einem gewissen Preisband.

Konkret stehen für die Honorierung folgende Möglichkeiten zur Auswahl (Art. 5.3 SIA-Honorarordung 102; Ausgabe 2014):
— Honorierung nach dem effektiven Zeitaufwand
— Honorierung nach den aufwandbestimmenden Baukosten
— Honorierung als Pauschale (ohne Teuerung) oder als Globale (mit Teuerung)

Es wäre also ohne weiteres möglich, das frei konzipierte Angebot des Bauplaners gemäss Beispiel (siehe Buchstabe B) genau in der vorliegenden Form in einen SIA-Planervertrag zu übernehmen. Der Kern des Angebots würde also unverändert belassen (Leistungsbeschrieb und Preise). Durch die Anwendung des SIA-Mustervertrags würden dem Angebot als eine Art Hülle nur die Vertragsbestandteile hinzugefügt, die jetzt fehlen (beispielsweise die Allgemeinen Vertragsbedingungen gemäss Art. 1 SIA-Honorarordnung 102; Ausgabe 2014).

Wenn der Protagonist in unserem erfundenen Beispiel behauptet, dass ein SIA-Planervertrag zu einem höheren Honorar führe als ein frei konzipierter Vertrag, wollen wir ihm dies nachsehen. Er kennt die SIA-Honorarordnung 102 wahrscheinlich nicht so gut und nimmt fälschlicherweise an, dass hier automatisch die SIA-Honorarformel angewendet werden müsse, was ein höheres Honorar ergäbe als sein Pauschalhonorar. Wie wir oben gezeigt haben, ist diese Annahme aber falsch: Die von ihm bevorzugte Vorkalkulation des Honorars mit Pauschalbeträgen pro Leistungsposition ist selbstverständlich auch möglich. Sie ist sowohl in der SIA-Honorarordnung 102 (Architekten) vorgesehen wie im SIA-Mustervertrag für Planungsleistungen.

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Frage 3: Was ist von einem frei konzipierten Planerangebot zu halten?

Grundsätzlich gefällt mir die Art und Weise des frei konzipierten Planerangebots gemäss Buchstabe B sehr gut. Ich schätze vor allem zwei Merkmale:

Merkmal 1: Projektbezogener Leistungsbeschrieb

Der Beschrieb der Planerleistungen ist massgeschneidert für das Projekt und, wenigstens bei der genauer betrachteten Position 3 «Submission / Werkverträge», sehr ausführlich. Der Bauherr weiss daher genau, mit welchen Leistungen er rechnen kann. Die einzelnen Submissionen sind aufgeführt (Baumeisterarbeiten etc.), und es wird auch angegeben, wo es Ausnahmen gibt und der Bauplaner keine Submission durchführt (z.B. bei der Küche).

Der Leistungsbeschrieb ist mit konkreten Inhalten gefüllt und nicht, wie im standardisierten Leistungsbeschreib gemäss Art. 4 SIA-Honorarordnung 102, neutral und allgemeingültig gehalten.

Merkmal 2: Honorarangabe rein aufgrund einer Vorkalkulation

Die Honorarangaben pro Leistungsposition sind das Resultat einer Vorkalkulation. Man schätzt also zuerst den zeitlichen Aufwand ab und gibt dann das Honorar an. Bei den meisten Berufen im Dienstleistungsbereich wird dies so gemacht, beispielsweise bei juristischen Dienstleistungen oder der Unternehmensberatung. Der Bauplanungssektor ist hinsichtlich der Honorierung immer ein Ausnahmefall gewesen, in dem man das Honorar aus der Bausumme hergeleitet hat. Ganz falsch ist dies wahrscheinlich nicht, aber es hat stets zu einer gewissen Vereinheitlichung der Honorare geführt. Die Wettbewerbsbehörden des Bundes (WEKO) haben dies, auch dies nicht zu Unrecht, als Preisabsprache betrachtet und somit als Kartell. In wettbewerbsrechtlicher Hinsicht sind einheitliche (abgesprochene) Preise aber nicht zulässig.

Im beschriebenen Beispiel kommt die übliche bausummenabhängige Honorarbestimmung nach SIA gar nicht vor (Honorarberechnung nach den aufwandbestimmenden Baukosten; Art. 7 SIA 102; Ausgabe 2014).

Tendenzen zu ähnlichen Vertragskonzepten beim SIA in der Vergangenheit

Es ist interessant, dass der SIA in der jüngeren Vergangenheit ähnliche Tendenzen zur Konzeption von Planerverträgen verfolgt hat, wie oben im Beispiel beschrieben (Buchstabe B). Auch beim SIA sind also der projektbezogene Leistungsbeschrieb und die bausummenunabhängige Honorarkalkulation nicht unbekannt.

Unternehmen wir einen kurzen Ausflug in die Geschichte des SIA-Honorarwesens. Um 1995 ist die übliche Honorarkalkulation des SIA unter Druck geraten durch die Kartellbehörden des Bundes (Wettbewerbskommission WEKO). 1996 ist die Preisbindung bei den Planerhonoraren vom SIA fallen gelassen worden. Etwa im gleichen Zeitraum hat der SIA mit der Entwicklung eines neuen Honorierungsmodells begonnen, des sogenannten Leistungsmodells. Es hätte ursprünglich 1995 in Kraft gesetzt werden sollen, was aber nicht gelungen ist. Aufgrund von Widerständen aus Architektenkreisen ist das Leistungsmodell (LM SIA 112) erst 2001 publiziert worden.

In meinem oben bereits angesprochenen Buch über Bauplanerhonorare wird das historische Honorierungsmodell des SIA wie folgt beschrieben:

(Beginn Zitat)
Das Leistungsmodell ist ein Generalplanermodell und eher für grosse und komplexe Projekte gedacht. Die Leistungen der Planer werden projektbezogen festgelegt. Im Hinblick auf die Honorarfrage ist bedeutsam, dass das Honorar aufgrund einer betriebswirtschaftlichen Vorkalkulation berechnet werden soll und somit unabhängig von den Baukosten ist
(Ende Zitat)

Quelle
Mein Buch «Bauplanerhonorare»; Kapitel 3 «Kurze Geschichte des Honorarwesens in der Bauplanung»; Seite 27
nähere Angaben zum Buch befinden sich hier>>>

Das Leistungsmodell scheint aber in der Planerbranche nicht auf grosse Akzeptanz gestossen zu sein, denn 2014 mit der Revision der Familie der SIA-Honorarordnungen 102 ff. ist es wieder ausser Kraft gesetzt worden.

Fazit

Der frei konzipierte Planervertrag gemäss Buchstabe B basiert auf durchaus fortschrittlichen Gedanken. Dazu gehören der projektspezifische (also nicht standardisierte) Leistungsbeschrieb sowie die Vorkalkulation des Planungsaufwandes, unabhängig von einer Honorarformel. Der SIA hat vor rund 20 Jahren selbst Anstrengungen unternommen, ein Vertragsmodell zu entwickeln, das in diese Richtung geht. Dieses Modell hat sich beim SIA aber leider nicht durchgesetzt. Wahrscheinlich ist es auf Planerseite zu wenig unterstützt worden.

Der Ansatz des Planers in unserem Beispiel mit dem frei konzipierten Angebot ist somit nicht nur innovativ, sondern kommt auch den Interessen des Bauherrn entgegen und ist somit zu begrüssen.

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Frage 4: Was sind die Gefahren eines völlig frei konzipierten Planervertrags?

Der frei konzipierte Planervertrag weist, wie wir im letzten Abschnitt (Frage 3) gesehen haben, innovative und somit zu begrüssende Eigenschaften auf. Insbesondere enthält er einen projektbezogenen Leistungsbeschrieb und die Honorare werden vorkalkuliert und stellen nicht das Resultat einer Honorarformel dar, welche auf der Bausumme basiert.

Der grosse Nachteil des frei konzipierten Vertrags besteht darin, dass der Vertrag zu knapp sein kann. Wir haben im Abschnitt B «Ein erster Blick in einen frei konzipierten Planervertrag» ein (fiktives) Beispiel kennengelernt, das nur einen Textumfang von zwei Seiten hat. Hier besteht natürlich durchaus das Risiko, dass notwendige oder wünschenswerte Vertragsbestandteile fehlen.

Nachfolgend gehe ich auf die wichtigsten einschlägigen Vertragsbestandteile ein, bei denen das Risiko besteht, dass sie in einem frei konzipierten Planervertrag fehlen. Ich spreche von den vier Gefahren.

Gefahr 1: Vereinbarungen zur Gesamtleitung fehlen

Fehlende Vereinbarungen zur Gesamtleitung stellen aus meiner Sicht die grösste Gefahr dar bei einem frei formulierten Planervertrag.

Der Architekt ist in den meisten Fällen auch der Leiter des Planerteams, also projektbezogen der Chef der übrigen Planer (z.B. Bauingenieur, Bauphysiker, Gebäudetechnikplaner etc.). Diese Funktion wird in der SIA-Terminologie als Gesamtleitung bezeichnet. Der Gesamtleiter ist die wichtigste Vertrauensperson des Bauherrn.

Es liegt auf der Hand, dass in einem Planervertrag geregelt sein sollte, was die Gesamtleitung ist und welche Aufgaben damit verbunden sind. Dieser wichtige Vertragsbestandteil ist in der Familie der SIA-Honorarordnungen 102 ff. (Ausgabe 2014) ziemlich umfassend abgehandelt, und zwar im Artikel 3.4.

Es ist aber keineswegs gesagt, dass das Thema der Gesamtleitung auch in einem frei konzipierten Planervertrag geregelt wird. Ich habe schon Verträge gesehen, wo darüber kein Wort verloren wird. Aus meiner Sicht kann dies sehr riskant sein.

Der Architekt als Vertragsverfasser geht anscheinend von einer Art Gewohnheitsrecht aus. Er selber wisse schon, was die Gesamtleitung beinhalte, und seine Planerkollegen (beispielsweise der Bauingenieur) wüssten es auch. Was passiert nun, wenn der Gesamtleiter eine seiner Gesamtleitungsaufgaben nicht richtig wahrnimmt? Wenn er zum Beispiel die Aufgaben im Planerteam nicht richtig zuordnet, was schliesslich zu einem Planungsumweg und zu Mehrkosten führt? Oder wenn es keine richtige Qualitätssicherung gibt? Wie soll sich der Bauherr nun verhalten?

Gefahr 2: Nebenvereinbarungen zum Planervertrag fehlen

Im Mustervertrag des SIA für Planerverträge (SIA 1001/1 Planer- / Bauleitungsvertrag; Ausgabe 2014) geht es nicht nur um Leistungen und Honorare. Zusätzlich werden in diesem Dokument eine ganze Reihe von eher untergeordneten Vereinbarungen getroffen. Der grosse Vorteil bei der Anwendung des Mustervertrags besteht darin, dass man dabei nichts vergisst.

Der Mustervertrag des SIA enthält unter anderem die folgenden Nebenvereinbarungen:

  • Vergütung von Nebenkosten
  • Reisespesen
  • Genauigkeit der Kosteninformation
  • Zahlungsmodalitäten
  • Fristen und Termine
  • Versicherung
  • Haftung des Beauftragten
  • Projektorganisation
  • Stellvertretung und Vollmacht
  • Datenaustausch und -sicherung

In einem frei konzipierten Planervertrag sind allenfalls nicht alle dieser Punkte geregelt. Das kann durchaus riskant sein. Man stelle sich beispielsweise vor, dass man nie über die Art der Haftung des Planers gesprochen habe, und es passiere ein grosser Haftungsfall. In welchem Umfang haftet der Planer nun?

Gefahr 3: Allgemeine Vertragsbedingungen (AVB) fehlen

Alle von uns kennen das Kleingedruckte in Verträgen. Man findet solche Vertragsbeilagen typischerweise bei Versicherungen, aber auch bei vielen anderen Verträgen. Solche Dokumente werden als Allgemeine Vertragsbedingungen bezeichnet (AVB).

Auch Verträge von Architekten haben Allgemeine Vertragsbedingungen, jedenfalls wenn sie gemäss der SIA-Honorarordnung 102 abgeschlossen werden. In der Honorarordnung sind sie prominent angeordnet, nämlich ganz am Anfang. Es ist also anders als bei Versicherungen: bei Versicherungen kommen die AVBs kleingedruckt am Schluss, bei der SIA-Honorarordnung 102 (Architekten) ganz am Anfang.

Die AVBs des SIA haben eine Textumfang von etwa vier Seiten und umfassen rund 30 Paragrafen, zusammengefasst im Artikel 1. Im Zentrum stehen die Rechte und Pflichten der beiden Vertragsparteien, also von Auftraggeber (Bauherr) und Beauftragtem (Architekt). Zu den Pflichten des Bauauftragen gehören beispielsweise die Sorgfaltspflicht und die Treuepflicht. Weitere wichtige Themen, die in den AVBs geregelt werden, beinhalten die Vollmacht des Beauftragten oder die Haftung.

Bei SIA-Planerverträgen ist es also ganz normal, dass die AVBs als Vertragsbestandteil gelten. Bei frei konzipierten Planerverträgen dagegen gibt es oft überhaupt keine AVBs. Im konkreten Beispiel, das wir weiter vorne näher angeschaut haben (Abschnitt B), kommt man komplett ohne AVBs aus.

Verfasser von frei konzipierten Planerverträgen ohne AVBs argumentieren gelegentlich, dass sie schon viele Jahre so geschäften würden, und noch nie Probleme gehabt hätten damit. Das mag durchaus sein. Wahrscheinlich haben sie aber auch noch nie einen richtigen Konflikt mit einem Bauherrn gehabt. Im Streitfall kann es nämlich nützlich sein, dass man in den AVBs nachlesen kann, was die Rechten und Pflichten der Vertragsparteien sind. Bei einem Auftrag ohne Streit, auch das ist eine Erfahrungstatsache, schaut man den Vertrag während des Projektablaufs wahrscheinlich gar nie richtig an.

Ich persönlich empfehle dem Bauherrn, darauf zu achten, dass die AVBs des SIA enthalten sind. Es dürfte für ihn von Vorteil sein. Es ist für ihn zudem ganz interessant, einmal durchzulesen, was die gegenseitigen Rechte und Pflichten sind. Ich habe es schon oft erlebt, dass dann Fragen auftauchen, die entweder im Gespräch geklärt werden können oder zu einer zusätzlichen Vereinbarung führen, die in den Planervertrag aufgenommen wird.

Es gibt aber natürlich keine Pflicht, die AVBs des SIA in den Planervertrag aufzunehmen. Wie ich früher schon ausgeführt habe, ist der SIA ein privater Verein und man kann durchaus auch einen Planervertrag ohne dessen AVBs abschliessen.

In juristischer Hinsicht ist man ohne AVBs auch keineswegs im luftleeren Raum. Es gelten auch dann Rechten und Pflichten, und es gibt auch so eine Haftung. Allerdings gilt dann direkt das Gesetz, also das Obligationenrecht. Hier ist es aber für den durchschnittlichen Bauherrn nicht so einfach, sich zurechtzufinden. Die konkreter formulierten AVBs sind für ihn viel anschaulicher.

Gefahr 4: Leistungsbeschrieb ist nicht vollständig

Wir haben weiter vorne gesehen (Abschnitt B), dass im fiktiven Beispiel des frei konzipierten Planervertrags der Beschrieb der Planerleistungen sehr gut ist. Bei der ausgewählten Position 3 Submission / Werkverträge wird für die vorgesehene Planungsaufgabe im Detail beschrieben, worin die Planung genau besteht. Sowohl für den Planer als Verfasser des Leistungsbeschriebs als auch für den Bauherrn als Besteller der Leistungen dürften wenige Fragen offenbleiben.

Man kann aber nicht davon ausgehen, dass der Leistungsbeschrieb in einem frei konzipierten Planervertrag in der Praxis immer so gut ist. Vielleicht werden einzelne Planungsleistungen nur stiefmütterlich behandelt. Es ist auch denkbar, dass der Beschrieb generell von minderer Qualität ist.

In einem solchen Fall kann es schon Meinungsverschiedenheiten geben zwischen Planer und Bauherr über den Umfang der zu erbringenden Leistungen. Ein unvollständiger oder ungenauer Leistungsbeschrieb stellt somit eine gewisse Gefahr dar.

Bei einem SIA-Vertrag ist diese Gefahr sehr viel kleiner. In der SIA-Honorarordnung 102 (Architekten) gibt es nämlich, wie bereits erwähnt, einen ausführlichen Leistungsbeschrieb in standardisierter Form. Er ist unter Artikel 4 enthalten und umfasst rund 20 Seiten. Angesichts der grossen Verbreitung dieses Leistungsbeschriebs kann man ihn auch als Industriestandard bezeichnen.

Der Leistungsbeschrieb enthält für alle Leistungsbereiche die üblichen Planungsleistungen. Zusätzlich zu den Grundleistungen, die im Honorar gemäss Honorarformel enthalten sind (Art. 7 SIA-Honorarordnung 102 / 2014; Honorarberechnung nach den aufwandbestimmenden Baukosten), sind auch diverse typische Zusatzleistungen aufgeführt (bezeichnet als «Besonders zu vereinbarende Leistungen»). Zusätzlich findet man pro Leistungsbereich weitere nützliche Angaben wie Leistungen und Entschiede des Auftragsgebers.

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Frage 5: Stimmt es, dass SIA-Verträge primär für SIA-Mitglieder sind?

Von kleineren Bauplanern, die nicht Mitglied im SIA sind, vernimmt man gelegentlich die Aussage, dass SIA-Planerverträge primär für SIA-Mitglieder seien. Dies komme auch dadurch zum Ausdruck, dass SIA-Normen und SIA-Honorarordnungen für SIA-Mitglieder deutlich günstiger seien als für Nichtmitglieder.

Die Aussage über den teureren Preis der Normen für Nichtmitglieder trifft nur sehr eingeschränkt zu. SIA-Mitglieder bekommen lediglich einen Rabatt von 15% auf den Normen. Der Preisunterschied ist somit nicht gross.

Allerdings ist es natürlich schon so, dass die Normen generell etwas teuer sind. Die SIA-Honorarordnung 102 (Architekten; Ausgabe 2014) beispielsweise ist in der Papierform bis Ende Oktober 2018 für 180 Fr. verkauft worden.
Hinweis: Die überarbeitete 2. Auflage (gültig ab 1. November 2018) gibt der SIA als digitale Version gratis ab (einschliesslich der separat publizierten Kalkulationshilfe).

Aus meiner Sicht sind die Normen und Ordnungen des SIA für alle da, auch für Planer, die nicht SIA Mitglied sind. Aus der Sicht des Bauherrn ist es sicher kein Nachteil, wenn ein Planervertrag auf einer SIA-Honorarordnung basiert. Die Rechtssicherheit ist dadurch wesentlich grösser.

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Zusammenfassung, oder:
Empfehlungen für den Bauherrn bei frei formulierten Planerverträgen

Ich schliesse diesen Beitrag ab mit einer Zusammenfassung. Wie soll sich die Bauherrschaft verhalten, wenn der Architekt einen frei formulierten Vertragsentwurf für die Planungsaufgabe vorlegt?

Empfehlung 1: Projektspezifischen Leistungsbeschrieb gemäss SIA-Struktur gliedern

Es kann durchaus empfohlen werden, einen projektspezifischen (also frei formulierten) Leistungsbeschrieb zu verwenden. Oft sind solche Beschriebe qualitativ gut. Sowohl für den Planer wie den Auftraggeber (Bauherrn) ist klar, welche Leistungen erbracht werden.

Ich empfehle allerdings, dass darauf geachtet wird, dass der projektspezifische Leistungsbeschrieb des Bauplaners zum Standardleistungsbeschrieb nach SIA passt (Art. 4 SIA-Honorarordnung 102; Ausgabe 2014). Er sollte also gleich gegliedert werden. Mit Vorteil werden auch die gleichen Bezeichnungen verwendet. Konkret sollte man also von «Ausschreibung» sprechen, dem offiziellen Begriff gemäss Leistungsbeschrieb, und nicht von «Submission».

Der projektspezifische Leistungsbeschrieb hat also die gleiche Struktur wie der standardisierte nach SIA, aber die Inhalte der Leistungsbereiche können mit projektspezifischen Präzisierungen angereichert werden.

Empfehlung 2: Honorarformel kann weggelassen werden

Es ist durchaus möglich, für die Planerleistungen pauschale Preise zu vereinbaren. Die übliche Honorarformel des SIA (Art. 7 SIA-Honorarordnung 102; Honorarberechnung nach den aufwandbestimmenden Baukosten) kann also komplett wegegelassen werden.

Empfehlung 3: SIA-Mustervertrag anwenden

Auch bei einem frei formulierten Leistungsbeschrieb mit pauschaler Honorierung empfehle ich, den Mustervertrag des SIA anzuwenden (SIA 1001/1 Planer- / Bauleitungsvertrag; Ausgabe 2014). Dies ist nämlich problemlos möglich. Bei diesem Vorgehen ist die Gefahr viel kleiner, dass man beim Planervertrag etwas Wichtiges vergisst, das geregelt werden sollte.

Empfehlung 4: SIA-Honorarordnung 102 vereinbaren (gesamthaft oder in Teilen)

Aus meiner Sicht ist es zu empfehlen, auch bei einem frei formulierten Planervertrag die SIA-Honorarordnung 102 als mitgeltenden Vertragsbestandteil zu vereinbaren. Für die Bauherrschaft hat dies Vorteile, weil dadurch die Rechtssicherheit erhöht wird. Ich sehe keine Gründe, die gegen diese Integration sprechen.

Die wichtigsten Vorteile:

  • Gesamtleitung definiert
  • Allgemeine Vertragsbedingungen (AVBs) enthalten
  • standardisierter Leistungsbeschrieb vereinbart (kann nützlich sein, falls der projektspezifische Leistungsbeschrieb Lücken enthalten sollte)

Falls sich der Bauplaner nicht dazu bereit erklären sollte, die SIA-Honorarordnung 102 in ihrer Gesamtheit in den Vertrag zu integrieren, sollten wenigstens zwei wichtige Teil daraus in den Vertrag übernommen: (1) die Vereinbarungen zur Gesamtleitung; sowie (2) die Allgemeinen Vertragsbedingungen (AVB).

1. Vereinbarungen zur Gesamtleitung
Die Vereinbarungen zur Gesamtleitung befinden sich mehrheitlich in Art. 3.4 SIA-Honorarordnung 102 (Ausgabe 2014).
Es ist ferner zu empfehlen, ein Organigramm der Projektorganisation in den Vertrag aufzunehmen und die Funktionen der Projektbeteiligten zu beschreiben.

2. Allgemeine Vertragsbedingungen (AVB)
Die Allgemeinen Vertragsbedingungen befinden sich in Art. 1 SIA-Honorarordnung 102 (Ausgabe 2014). Es geht hier primär um Rechte und Pflichten der Vertragsparteien.

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Dieser Blog enthält Dutzende von Fachbeiträgen, die sich primär an Bauherrschaften richten. Sie sind gegliedert nach Sachgebieten. Die beiden wichtigsten Themenbereiche sind «Honorarfragen» und «Bauen mit einem Architekten». Benutzen Sie das Menu, um zu der Fragenkategorie zu gelangen, die Sie besonders interessiert. – Hans Röthlisberger, Bauherrenberater, Gwatt (Thun) 


 

Ein Gedanke zu “Wenn Bauplaner keine SIA-Planerverträge abschliessen wollen

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