Honorarfragen bei mehreren Teilprojekten

 Lesedauer ca. 6 Minuten. –


In diesem Beitrag befassen wir uns mit Honorarfragen bei Bauvorhaben mit mehreren Teilprojekten. Gegenstand der Betrachtung ist also die gleichzeitige Ausführung von unterschiedlichen Teilbauwerken des gleichen Bauvorhabens. Ein Beispiel dafür ist die Erweiterung eines bestehenden Dienstleistungsgebäudes. Oft gibt es hier einen Anbau, und gleichzeitig wird das vorhandene Gebäude umgebaut oder saniert. Die beiden Teilbauvorhaben können sehr unterschiedlich sein, werden aber vom gleichen Planerteam für den gleichen Bauherrn gleichzeitig abgewickelt.

Mit einem ähnlichen Thema haben wir uns bereits einmal beschäftigt. Im Beitrag «Wiederholungsrabatt beim Architektenvertrag» vom 11. März 2018 haben wir uns gefragt, wie das Honorar zu bemessen sei, wenn ein Bauwerk mehrfach ausgeführt wird. Es kann dabei beispielswiese um eine Siedlung mit mehreren identischen Mehrfamilienhäusern gehen. Die Vereinfachung der Architektenarbeit bei mehreren identischen Bauvorhaben wird dort mit dem Wiederholungsrabatt berücksichtigt.

Im aktuellen Beitrag jedoch geht es nicht um Wiederholung, sondern um gleichzeitige Ausführung von unterschiedlichen Teilbauwerken.

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Kurze Einführung zum Honorarwesen

Bei den Betrachtungen zu den Planerhonoraren in diesem Beitrag setze ich voraus, dass die Leserschaft die Methode der Honorarermittlung nach SIA kennt.

Literaturhinweis
Das SIA-Honorarwesen wird ausführlich in meinem Buch «Bauplanerhonorare» (2017) beschrieben. Siehe insbesondere Kapitel 5 «Aktuelle Honorarformel des Zeitaufwandmodells»; Seite 49 ff.
Nähere Angaben zum Buch befinden sich hier >>>

Die normale Honorierungsart für Planerleistungen nach SIA ist die «Honorarberechnung nach den aufwandbestimmenden Baukosten» (Art. 7 SIA-Honorarordnung 102; Ausgabe 2014). Für die Ermittlung des Honorars werden verschiedene Honorarfaktoren verwendet, namentlich die aufwandbestimmenden Baukosten B, der Schwierigkeitsgrad n, der Leistungsanteil q und noch eine ganze Reihe weiterer Faktoren.

Zu den Honorarfaktoren gehört auch der Faktor p (Grundfaktor für den Stundenaufwand), welcher abhängig ist von der Projektgrösse. Bei einer grossen Bausumme ist der Faktor p kleiner als bei einer kleinen. Darauf gehen wir weiter unten in einem separaten Abschnitt näher ein.

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Grundüberlegung zur Bemessung des Honorars bei mehreren Teilprojekten

Die Grundüberlegung bei der Bemessung des Honorars bei mehreren Teilprojekten geht dahin, dass die gesamte Bausumme massgebend ist für die Ermittlung des Faktors p (Grundfaktor für den Stundenaufwand), und nicht die Bausummen der jeweiligen Teilprojekte. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von den «aufwandbestimmenden Gesamtbaukosten».

Nachfolgend zitiere ich den massgebenden Artikel aus der SIA-Honorarordnung 102 (Art. 7.13 Abs. 1 SIA 102; 2014).

Bei Aufträgen über mehrere Bauten wird der Aufwand aufgrund der aufwandbestimmenden Gesamtbaukosten errechnet, wenn sie eine Gesamtanlage bilden und die Ausführung ohne Unterbruch, am gleichen Ort und für denselben Auftraggeber erfolgt. Dies gilt auch dann, wenn der Auftrag Bauten verschiedener Bauwerksarten bzw. Baukategorien enthält. Dabei ist für jeden Bau der Ansatz der entsprechenden Baukategorie massgebend.

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Ein Beispiel zur Veranschaulichung

Ein Laie des Bauwesens wird mit diesen fachtechnischen Ausführungen wohl nicht besonders viel anfangen können. Wir wollen die Anwendung des Prinzips der «aufwandbestimmenden Gesamtbaukosten» daher anhand eines Beispiels kennen lernen. Wir ermitteln dabei das Honorar für zwei Szenarien, indem wir alternativ annehmen, dass die Bauvorhaben unabhängig voneinander respektive miteinander verbunden seien.

Das Bauvorhaben bestehe aus zwei Teilprojekten, und zwar einem Neubauteil und einem Sanierungsteil. Der Neubauteil (Anbau an das bestehende Gebäude) sei mit 6 Mio. Fr. aufwandbestimmenden Baukosten etwas grösser als der Sanierungsteil (Umbau des bestehenden Gebäudes) mit 4 Mio. Fr.

Nachfolgend gebe ich für beide Teilbauvorhaben die Honorarfaktoren an, die im Planervertrag im Hinblick auf die Honorarermittlung vereinbart worden seien.

Teilprojekt Anbau

  • aufwandbestimmende Baukosten B = 6 Mio. Fr (exkl. MWSt.)
  • Schwierigkeitsgrad n = 1.1
  • Faktor U für Umbau = 1.0

Teilprojekt Umbau

  • aufwandbestimmende Baukosten B = 4 Mio. Fr (exkl. MWSt.)
  • Schwierigkeitsgrad n = 1.0
  • Faktor U für Umbau = 1.2

Die nachfolgenden Honorarfaktoren seien bei beiden Teilprojekten identisch:

  • Leistungsanteil q = 100%
  • Anpassungsfaktor r = 1.0
  • Teamfaktor i = 1.0
  • Faktor für Sonderleistungen s = 1.0
  • angebotener Stundenansatz h = 100 Fr.

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Faktor p (Grundfaktor für den Stundenaufwand) genauer betrachtet

Den Faktor p (Grundfaktor für den Stundenaufwand) wollen wir etwas genauer betrachten. Bei den nachfolgenden Ausführungen halte ich mich eng an den Text in meinem oben genannten Buch «Bauplanerhonorare» (Absatz «Grundfaktor p: Grundfaktor für den Stundenaufwand»; Seite 58 ff.).

Der Grundfaktor p ist das Resultat von statistischen Analysen des SIA. Mit ihm wird der Zusammenhang zwischen der Projektgrösse (Baukosten) und dem Stundenaufwand in der Honorarformel des Zeitaufwandmodells abgebildet. Die Werte des Faktors p des SIA basieren auf Nachkalkulationen über den Planungsaufwand von Bauprojekten seiner Mitglieder.

Der SIA publiziert nicht direkt die Werte für den Faktor p, sondern die statistischen Koeffizienten Z1 und Z2. Die p-Werte können dann anhand einer Formel berechnet werden, die in der SIA-Honorarordnung wiedergegeben ist (Art. 7.2 Abs. 2 SIA 102; 2014).

Nachfolgend werden für vier ausgewählte Projektgrössen die p-Werte angegeben (Stand 2015). Die Projektgrösse ist zu verstehen als aufwandsbestimmende Baukosten B (exkl. MWST).

B = 1 000 000 Fr.; ergibt p = 0.1678%
B = 2 000 000 Fr.; ergibt p =  0.1460%
B = 5 000 000 Fr.; ergibt p = 0.1239%
B = 10 000 000 Fr.; ergibt p =  0.1111%

Wir erkennen, dass die p-Werte mit der Projektgrösse abnehmen: grosse Projekte ergeben also anteilsmässig weniger Honorar als kleine.

Nun gebe ich noch die p-Werte für die Projektgrössen an, die wir in unserem Beispiel benötigen:

Szenario 1: Teilprojekte als unabhängige Bauvorhaben betrachtet

Teilprojekt Anbau mit B = 6 Mio. Fr.; ergibt p = 0.1202%
Teilprojekt Umbau mit B = 4 Mio. Fr.; ergibt p = 0.1286%

Der p-Wert für das Szenario 2, bei dem die beiden Teilprojekte als gekoppelt betrachtet werden, ist oben bereits angegeben:

Gesamtbaukosten B = 10 Mio. Fr.; ergibt p = 0.1111%

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Szenario 1: Honorarermittlung für unabhängige Bauvorhaben

Im Szenario 1 gehen wir davon aus, dass die beiden Teilprojekte völlig unabhängig voneinander seien.

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Tabelle zur Ermittlung des Honorars

25-10-2018_mehrere_teilprojekte_1

Im Szenario 1 (unabhängige Bauvorhaben) beträgt das Total der Honorare für die beiden Teilprojekte 1’411’000 Fr. (exkl. MWSt.).

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Szenario 2: Honorarermittlung für gekoppelte Bauvorhaben

Wenn die beiden Teilbauvorhaben als gekoppelte Teile eines Ganzen betrachtet werden, führt dies zu einer Art Mengenrabatt beim Honorar. Bei gekoppelten Bauvorhaben kommt nämlich das Prinzip der aufwandbestimmenden Gesamtbaukosten zum tragen. Der Faktor p wird hier aus den Gesamtbaukosten bestimmt und ist für die beiden Teilbauvorhaben identisch.

Oben haben wir bereits angegeben, dass sich bei aufwandbestimmenden Gesamtbaukosten von 10 Mio. Fr. (exkl. MWSt.) für den Faktor p (Grundfaktor für den Stundenaufwand) ein Wert von 0.1111% ergibt.

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Tabelle zur Ermittlung des Honorars

25-10-2018_mehrere_teilprojekte_2

Im Szenario 2 (gekoppelte Bauvorhaben) beträgt das Total der Honorare für die beiden Teilprojekte 1’266’600 Fr. (exkl. MWSt.).

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Interpretation des Ergebnisses

Wir betrachten die Summe der Honorare der beiden Teilprojekte. Wenn die Projekte völlig unabhängig voneinander sind (Szenario 1), beträgt die Honorarsumme 1.411 Mio. Fr. Wenn die Teilprojekte aber als Teile eines zusammengehörenden Gesamtprojektes angenommen werden (Szenario 2), beträgt die Honorarsumme nur 1.227 Mio. Fr. Dies ist 10% weniger.

Der «Mengenrabatt» bei der gleichzeitigen Ausführung der beiden Teilprojekte durch das gleiche Planerteam beträgt somit im konkreten Fall 10%.

Der «Mengenrabatt» ist abhängig von der Projektgrösse. Bei einem zehnmal kleineren Bauvorhaben (also aufwandbestimmende Gesamtbaukosten B = 1 Mio. Fr.) würde er 14% betragen.

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Beobachtungen in der Praxis

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in der Praxis nicht alle Architekten mit der Honorarberechnung gemäss den aufwandbestimmenden Gesamtbaukosten vertraut sind. Einige kennen also die richtige Methode nicht, wie das Honorar eines Bauvorhabens ermittelt wird, das aus zwei oder mehreren miteinander gekoppelten Bauvorhaben besteht. Ich bin schon auf Honorarverträge mit siebenstelliger Honorarsumme gestossen, in denen das Honorar falsch berechnet worden ist, zulasten des Bauherrn.

Die Bauherrschaft tut somit gut daran, bei Bauvorhaben mit mehreren Teilprojekten einen kritischen Blick auf die Honorarermittlung zu werfen. Klärende Fragen können angezeigt sein. Allenfalls kann in Erwägung gezogen werden, eine externe Expertise erstellen zu lassen.

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Textgeschichte
4. Januar 2020
Ausführungen zum Faktor p (Grundfaktor für den Stundenaufwand) wesentlich ausführlicher als bisher. Es wird ein eigenständiger neuer Abschnitt zum Faktor p eingefügt.

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Dieser Blog enthält Dutzende von Fachbeiträgen, die sich primär an Bauherrschaften richten. Sie sind gegliedert nach Sachgebieten. Die beiden wichtigsten Themenbereiche sind «Honorarfragen» und «Bauen mit einem Architekten». Benutzen Sie das Menu, um zu der Fragenkategorie zu gelangen, die Sie besonders interessiert. – Hans Röthlisberger, Bauherrenberater, Gwatt (Thun) / Schweiz


 

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