Honorarfragen bei mehreren Teilprojekten

In diesem Beitrag befassen wir uns mit Honorarfragen bei Bauvorhaben mit mehreren Teilprojekten. Gegenstand der Betrachtung ist also die gleichzeitige Ausführung von unterschiedlichen Teilbauwerken des gleichen Bauvorhabens. Ein Beispiel dafür ist die Erweiterung eines bestehenden Dienstleistungsgebäudes. Oft gibt es hier einen Anbau, und gleichzeitig wird das vorhandene Gebäude umgebaut oder saniert. Die beiden Teilbauvorhaben können sehr unterschiedlich sein, werden aber vom gleichen Planerteam für den gleichen Bauherrn gleichzeitig abgewickelt.

Mit einem ähnlichen Thema haben wir uns bereits einmal beschäftigt. Im Beitrag «Wiederholungsrabatt beim Architektenvertrag» vom 11. März 2018 haben wir uns gefragt, wie das Honorar zu bemessen sei, wenn ein Bauwerk mehrfach ausgeführt wird. Es kann dabei beispielswiese um eine Siedlung mit mehreren identischen Mehrfamilienhäusern gehen. Die Vereinfachung der Architektenarbeit bei mehreren identischen Bauvorhaben wird dort mit dem Wiederholungsrabatt berücksichtigt. Im aktuellen Beitrag jedoch geht es nicht um Wiederholung, sondern um gleichzeitige Ausführung von unterschiedlichen Teilbauwerken.

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Kurze Einführung zum Honorarwesen

Bei den Betrachtungen zu den Planerhonoraren in diesem Beitrag setze ich voraus, dass die Leserschaft die Methode der Honorarermittlung nach SIA kennt.

Näheres zur Honorarberechnung und zur Honorarformel:
siehe mein Buch «Bauplanerhonorare» (2017);
Kapitel 5 «Aktuelle Honorarformel des Zeitaufwandmodells»; Seite 49 ff.
Angaben zum Buch befinden sich hier >>>

Die normale Honorierungsart für Planerleistungen nach SIA ist die «Honorarberechnung nach den aufwandbestimmenden Baukosten» (Art. 7 SIA-Honorarordnung 102; Ausgabe 2014). Für die Ermittlung des Honorars werden verschiedene Honorarfaktoren verwendet, namentlich die aufwandbestimmenden Baukosten B, der Schwierigkeitsgrad n, der Leistunganteil q und noch eine ganze Reihe weiterer Faktoren.

Zu den Honorarfaktoren gehört auch der Faktor p (Grundfaktor für den Stundenaufwand). Der Faktor p wird vom SIA aufgrund von Erfahrungswerten (Nachkalkulationen von ausgeführten Bauprojekten) zur Verfügung gestellt und ist abhängig von der Bausumme. Bei einer grossen Bausumme ist der Faktor p kleiner als bei einer kleinen. Ein grosses Bauvorhaben ergibt somit anteilsmässig weniger Honorar als ein kleines.

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Grundüberlegung zur Bemessung des Honorars bei mehreren Teilprojekten

Die Grundüberlegung bei der Bemessung des Honorars bei mehreren Teilprojekten geht dahin, dass die gesamte Bausumme massgebend ist für die Ermittlung des Faktors p (Grundfaktor für den Stundenaufwand), und nicht die Bausummen der jeweiligen Teilprojekte. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von den «aufwandbestimmenden Gesamtbaukosten».

Nachfolgend zitiere ich den massgebenden Artikel aus der SIA-Honorarordnung 102 (Art. 7.13 Abs. 1 SIA 102; 2014).

Bei Aufträgen über mehrere Bauten wird der Aufwand aufgrund der aufwandbestimmenden Gesamtbaukosten errechnet, wenn sie eine Gesamtanlage bilden und die Ausführung ohne Unterbruch, am gleichen Ort und für denselben Auftraggeber erfolgt. Dies gilt auch dann, wenn der Auftrag Bauten verschiedener Bauwerksarten bzw. Baukategorien enthält. Dabei ist für jeden Bau der Ansatz der entsprechenden Baukategorie massgebend.

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Ein Beispiel zur Veranschaulichung

Ein Laie des Bauwesens wird mit diesen fachtechnischen Ausführungen wohl nicht besonders viel anfangen können. Wir wollen die Anwendung des Prinzips der «aufwandbestimmenden Gesamtbaukosten» daher anhand eines Beispiels kennen lernen. Wir ermitteln dabei das Honorar für zwei Szenarien, indem wir alternativ annehmen, dass die Bauvorhaben unabhängig voneinander respektive miteinander verbunden seien.

Das Bauvorhaben bestehe aus zwei Teilprojekten, und zwar einem Neubauteil und einem Sanierungsteil. Der Neubauteil (Anbau an das bestehende Gebäude) sei mit 6 Mio. Fr. aufwandbestimmenden Baukosten etwas grösser als der Sanierungsteil (Umbau des bestehenden Gebäudes) mit 4 Mio. Fr.

Nachfolgend gebe ich für beide Teilbauvorhaben die Honorarfaktoren an, die im Planervertrag im Hinblick auf die Honorarermittlung vereinbart worden seien.

Teilprojekt Anbau

  • aufwandbestimmende Baukosten B = 6 Mio. Fr (exkl. MWSt.)
  • Schwierigkeitsgrad n = 1.1
  • Faktor U für Umbau = 1.0

Teilprojekt Umbau

  • aufwandbestimmende Baukosten B = 4 Mio. Fr (exkl. MWSt.)
  • Schwierigkeitsgrad n = 1.0
  • Faktor U für Umbau = 1.2

Die nachfolgenden Honorarfaktoren seien bei beiden Teilprojekten identisch:

  • Leistungsanteil q = 100%
  • Anpassungsfaktur r = 1.0
  • Teamfaktor i = 1.0
  • Faktor für Sonderleistungen s = 1.0
  • angebotener Stundenansatz h = 100 Fr.

Der Faktor p (Grundfaktor für den Stundenaufwand) wird anhand der SIA-Berechnungsmethodik aus den aufwandbestimmenden Baukosten ermittelt (siehe nachfolgend).

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Szenario 1: Honorarermittlung für unabhängige Bauvorhaben

Das Prinzip der aufwandbestimmenden Gesamtbaukosten führt zu einer Art «Mengenrabatt» hinsichtlich der Honorare. Um dieses Prinzip besser verstehen zu können, ermitteln wir die Honorare zuerst ohne «Mengenrabatt». Wir nehmen also an, dass die beiden Teilprojekte völlig unabhängig voreinander seien.

Bei den nachfolgenden Tabellen gebe ich nur die Faktoren B (aufwandbestimmende Baukosten B) und p (Grundfaktor für den Stundenaufwand) an. Die übrigen Faktoren, die für die Honorarermittlung nötig sind, sind weiter vorne bereits aufgeführt.

Teilprojekt Anbau

  • aufwandbestimmende Baukosten B = 6 Mio. Fr (exkl. MWSt.)
  • Faktor p (Grundfaktor für den Stundenaufwand) = 0.1202%
    (aus B = 6 Mio. hergeleitet)
  • Honorar (exkl. MWSt.) = 793’500 Fr.

Teilprojekt Umbau

  • aufwandbestimmende Baukosten B = 4 Mio. Fr (exkl. MWSt.)
  • Faktor p (Grundfaktor für den Stundenaufwand) = 0.1286%
    (aus B = 4 Mio. hergeleitet)
  • Honorar (exkl. MWSt.) = 617’500 Fr.

Honorare total (exkl. MWSt.) = 1’411’000 Fr.

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Szenario 2: Honorarermittlung für gekoppelte Bauvorhaben

Bei gekoppelten Bauvorhaben kommt das Prinzip der aufwandbestimmenden Gesamtbaukosten zum tragen. Der Faktor p wird also aus den Gesamtbaukosten bestimmt und ist für die beiden Teilbauvorhaben identisch.

Zuerst wird der Faktor p ermittelt:

  • Faktor p (Grundfaktor für den Stundenaufwand) = 0.1111%
    (aus B = 10 Mio. hergeleitet)

Teilprojekt Anbau

  • aufwandbestimmende Baukosten B = 6 Mio. Fr (exkl. MWSt.)
  • Faktor p (Grundfaktor für den Stundenaufwand) = 0.1111%
    (siehe oben)
  • Honorar (exkl. MWSt.) = 733’300 Fr.

Teilprojekt Umbau

  • aufwandbestimmende Baukosten B = 4 Mio. Fr (exkl. MWSt.)
  • Faktor p (Grundfaktor für den Stundenaufwand) = 0.1111%
    (siehe oben)
  • Honorar (exkl. MWSt.) = 488’900 Fr.

Honorare total (exkl. MWSt.) = 1’222’200 Fr.

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Interpretation des Ergebnisses

Wir betrachten die Summe der Honorare der beiden Teilprojekte. Wenn die Projekte völlig unabhängig voneinander sind (Szenario 1), beträgt die Honorarsumme 1.411 Mio. Fr. Wenn die Teilprojekte aber als Teile eines zusammengehörenden Gesamtprojektes angenommen werden (Szenario 2), beträgt die Honorarsumme nur 1.222 Mio. Fr. Dies ist 13% weniger.

Der «Mengenrabatt» bei der gleichzeitigen Ausführung der beiden Teilprojekte durch das gleiche Planerteam beträgt somit im konkreten Fall 13%.

Der «Mengenrabatt» ist abhängig von der Projektgrösse. Bei einem zehnmal kleineren Bauvorhaben (also aufwandbestimmende Gesamtbaukosten B = 1 Mio. Fr.) würde er 17% betragen.

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Beobachtungen in der Praxis

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in der Praxis nicht alle Architekten mit der Honorarberechnung gemäss den aufwandbestimmenden Gesamtbaukosten vertraut sind. Einige kennen also die richtige Methode nicht, wie das Honorar eines Bauvorhabens ermittelt wird, das aus zwei oder mehreren miteinander gekoppelten Bauvorhaben besteht. Ich bin schon auf Honorarverträge mit siebenstelliger Honorarsumme gestossen, in denen das Honorar falsch berechnet worden ist, zulasten des Bauherrn.

Die Bauherrschaft tut somit gut daran, bei Bauvorhaben mit mehreren Teilprojekten einen kritischen Blick auf die Honorarermittlung zu werfen. Klärende Fragen können angezeigt sein. Allenfalls kann in Erwägung gezogen werden, eine externe Expertise erstellen zu lassen.

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