Leistungsanteil (Honorarfaktor q) unerklärlich tief

Lesedauer ca. 3 Minuten


Bei der Prüfung eines Honorarangebots fällt auf, dass der Leistungsanteil q ungewöhnlich tief ist. Eine genauere Analyse ergibt, dass bei einigen Leistungspositionen im Vergleich zu den normalen Prozentanteilen gemäss Leistungstabelle zu tiefe Werte eingesetzt worden sind.

Für die Analyse der Abweichungen wird die Leistungstabelle gemäss SIA-Honorarordnung 102 (Architekten) herangezogen. Sie ist in der Honorarordnung enthalten unter Art. 7.7 SIA 102 (Ausgabe 2014).

Die Leistungstabelle ist unten dargestellt. Die Spalte ganz rechts (in gelber Farbe) enthält die reduzierten Prozentanteile gemäss Angebot des Architekten. Links davon sind die normalen Prozentwerte gemäss SIA-Honorarordnung 102 aufgeführt.

Literaturhinweis
Näheres zum Leistungsanteil q:
siehe mein Buch «Bauplanerhonorare» (2017);
Abschnitt «Faktor q: Leistungsanteil»; Seite 63
Angaben zum Buch befinden sich hier >>>

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Analyse der Abweichungen

Die grösste Abweichung besteht bei den Ausführungsplänen, wo nur 5% statt normalerweise 15% berechnet werden. Ganz verzichtet wird auf die Berechnung der gestalterischen Leitung, was weitere 6% ergibt. Kleinere Einsparungen findet man zudem beim Bauprojekt und bei den Ausschreibungsplänen. Obwohl die gesamte Architektenleistung erbracht wird (also 100 Leistungsprozente) , beansprucht der Architekt nur einen Leistungsanteil q von 80%.

Die tieferen Werte (blau dargestellt) im Vergleich zur Basis nach SIA-Honorarordnung 102 sind vermutlich darauf zurückzuführen, dass der Anbieter davon ausgeht, bei diesen Leistungen weniger Aufwand zu haben als gemäss SIA-Vorlage eigentlich vorgesehen ist. Die Ausführungspläne beispielsweise entstehen gemäss seiner Ansicht ohne viel zusätzliche Arbeit mehr oder weniger automatisch aus den Ausschreibungsplänen, und die gestalterische Leitung scheint ihm erfahrungsgemäss kaum mit nennenswerten eigenen Leistungen verbunden zu sein.

Leistungstabelle gemäss SIA-Honorarordnung 102 (Architekten)
Art. 7.7 SIA 102; Ausgabe 2014 (vereinfacht)

11-3-2018_leistungsanteil_1

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Schlussbetrachtung

Wir haben es hier mit einer seltsamen Praxis der Honorarberechnung zu tun, die wohl auf der aktuell verwendeten Honorarformel gemäss SIA-Honorarordnung 102 basiert, diese aber ziemlich unorthodox interpretiert. Der zu tiefe Leistungsanteil q wird quasi als Rabattfaktor benutzt. Anhand der Honorarformel ergibt sich ein relativ günstiges Honorar, ohne dass ein Rabatt offen ausgewiesen wird.

Der nicht sachkundige Bauherr kommt durch diese Praxis natürlich nicht zu Schaden. Störend ist aber, dass die Honorarberechnung von ihm (und allfälligen sachkundigen Beratern) nur schlecht nachvollzogen werden kann.

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Dieser Blog enthält Dutzende von Fachbeiträgen, die sich primär an Bauherrschaften richten. Sie sind gegliedert nach Sachgebieten. Die beiden wichtigsten Themenbereiche sind «Honorarfragen» und «Bauen mit einem Architekten». Benutzen Sie das Menu, um zu der Fragenkategorie zu gelangen, die Sie besonders interessiert. – Hans Röthlisberger, Bauherrenberater, Gwatt (Thun) 


 

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