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Buch «Mit wem baue ich?» von Hans Röthlisberger (2013):
Leseprobe Kapitel 5

5.1 Normpositionen und Leistungsverzeichnisse
5.2 Vollständigkeit von Leistungsverzeichnissen
5.3 Weitere Empfehlungen zur Ausschreibung
5.4 Bauarbeiten vergeben

Im letzten Kapitel haben wir uns eingehend mit den Besonderheiten des Werkvertrags im Bauwesen befasst. Unter anderem ist es dabei auch darum gegangen, wie ein Werkvertrag üblicherweise abgeschlossen wird (Abschnitt A. Abschluss des Werkvertrags; Seite 141 ff.). Darauf wollen wir nachfolgend noch etwas genauer eingehen. Wir fragen uns, was die Bauherrschaft zum Ausschreiben und Vergeben der Bauarbeiten beitragen kann.

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5.1 Normpositionen und Leistungsverzeichnisse

Das Erstellen der Ausschreibungsunterlagen für Bauleistungen ist sicherlich primär die Angelegenheit der beauftragten Planer. Da die Ausschreibungsunterlagen jedoch eine wichtige Vorstufe sind im Hinblick auf den Abschluss der Werkverträge, sollte die Bauherrschaft trotzdem in den Grundzügen darüber informiert sein. Zudem können mit geschickt erstellten Ausschreibungsunterlagen die Baukosten in einer gewissen Bandbreite beeinflusst werden.

Zuerst befassen wir uns mit den Hilfsmitteln und Techniken, die im Bauwesen beim Erstellen der Ausschreibungsunterlagen angewendet werden.

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Das Prinzip der Ausschreibung mit Normpositionen

Wenn die Bauherrschaft für Bauleistungen von mehreren Lieferanten oder Unternehmern Angebote einholen will, benötigt sie Ausschreibungsunterlagen. Das sind Dokumente, welche die gewünschten Leistungen möglichst eindeutig beschreiben. Neben Plänen kommen dafür in erster Linie Leistungsverzeichnisse in Frage.

Das Leistungsverzeichnis, auch Devis genannt, ist eine Liste von kleinen Arbeitsschritten, die für eine Gesamtleistung zu erbringen sind. Normalerweise entspricht der Leistungsumfang eines Devis einer Arbeitsgattung. Das sogenannte Devisieren ist eine anspruchsvolle Planungsarbeit. Es braucht dazu breite technische Kenntnisse und viel Erfahrung.

Für die meisten Arbeitsgattungen existieren für die Devisierung standardisierte Ausschreibungstexte. Sie werden als Normpositionen be-zeichnet. Die Sammlung aller Normpositionen ist der Normpositionen-Katalog NPK. Dieses Normenwerk ist in der Bauwirtschaft stark verbreitet. Der Normpositionen-Katalog ist ausgesprochen umfangreich und umfasst in der Papierform mehrere Ordner. In rund 200 Kapiteln beinhaltet er rund eine Million Normpositionen (Hochbau, Tiefbau, Untertagbau, Gebäudetechnik).

Im nachfolgenden Beispiel greifen wir zur Illustration eine beliebige Normposition aus dem NPK heraus. Mit der ausgewählten Normposition 314.131.132 wird präzis und eindeutig beschrieben, wie eine Kalksandsteinmauer beschaffen ist. Der Baumeister weiss also genau, was er anbieten muss.

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Beispiel einer Normposition aus dem Normpositionen-Katalog NPK

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Die Normposition ist neunstellig und lautet für das obige Beispiel 314.131.132. Sie stammt aus dem Kapitel 314 (Mauerwerk) und bezeichnet ein Einsteinmauerwerk aus Kalksandstein ohne besondere Eigenschaften, gleichzeitig mit dem Rohbau erstellt, vollfugig gemauert, Dicke 140 bis 160 mm und Höhe 1.51 bis 3.00 m.

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Vom Kostenvoranschlag zum Leistungsverzeichnis

Mit den modernen Arbeitsinstrumenten des Kostenwesens von CRB können die Leistungsverzeichnisse einfacher und schneller aus dem Kostenvoranschlag hergestellt werden als früher. Da der Kostenvoranschlag nach der elementbasierten Kostengliederung (eBKP-H 2012) und der Normpositionen-Katalog kompatibel sind miteinander, ist eine gewisse Automatisierung der Erstellung des Leistungsverzeichnisses möglich. Man spricht in diesem Zusammenhang von den Rohleistungsverzeichnissen, die sich aus dem eBKP erzeugen lassen. Dieses Prinzip wollen wir nachfolgend in den Grundzügen anschauen.

Basis elementbasierter Kostenvoranschlag

Wir betrachten zuerst noch einmal das Beispiel eines elementbasierten Kostenvoranschlags ab Seite 44 und insbesondere die Hauptgruppe G «Ausbau Gebäude» (Seite 46). Die Kosten pro Element sind hier aus einzelnen Elementarten zusammengesetzt. Das Element G2.1 «Fugenloser Betonbelag» besteht zum Beispiel aus den Elementarten «Gussasphalt» (321 m2 x 81 Fr./m2 = 26 000 Fr.) und «Epoxidharzbelag» (314 m2 x 70 Fr./m2 = 22 000 Fr.).

Rezeptur einer Elementart

Jetzt betrachten wir eine bestimmte Elementart näher, und zwar das Beispiel «Betonwand; d = 0.20 m; Typ 2» im Absatz Kostenkennwerte (Seite 42 f.). Das Beispiel gibt Aufschluss darüber, aus welchen Normpositionen die Elementart besteht, nämlich aus den Normpositionen 241.231.113 (Schalung), 241.511.241 (Bewehrung), 241.631.211 (Beton) und 241.991.001 (Zuschlag für nicht aufgeführte Positionen). Weiter geht aus dem Beispiel die sogenannte Rezeptur hervor. Für einen Quadratmeter der Elementart «Betonwand; d = 0.20 m; Typ 2» werden beispielsweise 0.2 Kubikmeter Beton benötigt.

Leistungsverzeichnis

Bei der Erstellung der Leistungsverzeichnisse geht es nun darum, gleichartige Normpositionen zusammenzufassen, die für unterschiedliche Elementarten benötigt werden. Nachfolgend zeige ich den Mechanismus anhand der ausgewählten Normposition 241.631.211 (Beton; siehe Abbildung). – Dieser Beton ist in zwei Elementarten enthalten, und zwar in einer Aussenwand (Elementart 1) und in einer Innenwand (Elementart 3). Für die Aussenwand werden 60 m3 Beton benötigt, was aufgrund der oben angegebenen Rezeptur einer Wandfläche von 300 m2 entspricht. Für die Innenwand beträgt der Bedarf 12 m3 Beton, was 60 m2 Wandfläche ergibt. Gesamthaft beträgt die Menge der Normposition 241.631.211 (Beton) 72 m3.

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Auszug aus dem NPK-Leistungsverzeichnis mit Bezug zu den verwendeten Elementarten

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Quelle: CRB; Bauleistungen beschreiben und Baukosten ermitteln; Seiten 73–74

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5.2 Vollständigkeit von Leistungsverzeichnissen

Die Standardisierung der Leistungen der Bauwirtschaft mit Normpositionen ist zweifellos ein sinnvolles Unterfangen. Bemängelt wird aber gelegentlich die starke Aufsplitterung in kleinste Leistungseinheiten. In Deutschland etwa werden die Leistungen summarischer beschrieben, ähnlich wie in der Schweiz vor der Einführung des Normpositionen-Katalogs.

Die Herausforderung bei der Erstellung von Leistungsverzeichnissen mit kleinsten Leistungseinheiten besteht primär darin, alle mit der Arbeitsausführung verbundenen Nebenarbeiten zu berücksichtigen. Den Baufachleuten, welche die Leistungsverzeichnisse anfertigen, fehlt dazu aber gelegentlich das tiefe technische Verständnis dafür. Sie sind Bauleiter oder Bautechniker, aber nicht Werkunternehmer. Sie kennen die Arbeitsabläufe in den zu submittierenden Arbeitsgattungen somit nicht bis ins letzte Detail. Als Folge davon können Lücken in den Leistungsverzeichnissen entstehen.

Es gibt Unternehmer, die sind berüchtigt für ihre Beharrlichkeit, mit der sie Nachforderungen stellen bei Leistungsverzeichnissen, die angeblich nicht vollständig sind. Allerdings kommt dies nicht bei allen Arbeitsgattungen gleich häufig vor. Besonders anfällig für Nachforderungen scheinen beispielsweise Gipserarbeiten zu sein, insbesondere bei Sanierungen. Das Feld für nicht berücksichtige Vor-, Neben- und Zusatzarbeiten ist hier offenbar besonders gross. Das Ausmass der Nachforderungen sollte dabei nicht unterschätzt werden. Weiter vorne haben wir ein Beispiel eines kürzlich realisierten Bauprojekts der öffentlichen Hand betrachtet, bei dem die Schlussabrechnung für die Gipserarbeiten eines Sanierungsprojekts mehr als doppelt so hoch gewesen ist wie die Offerteingabe (Liste «Beispiele von Mängeln und Ungenauigkeiten in Leistungsverzeichnissen»; Beispiel a; Seite 57).

Wenn wir nun die Ursachen näher betrachten, die zu Mängeln in Leistungsverzeichnissen führen können, stossen wir auf zwei Hauptursachen: Bei der ersten Ursache geht es um ungenügendes spezifisches Fachwissen der Bauplaner, bei der zweiten um besonders mängelanfällige Bauteile oder Bauaufgaben.

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Ursache 1 für Mängel in Leistungsverzeichnissen:
Mangelhaftes spezifisches Fachwissen der Planer

Normalerweise ist der Architekt in seiner Funktion als Gesamtleiter federführend bei der Erstellung der Leistungsverzeichnisse. Um einen Teil der Verzeichnisse kümmert er sich selber, andere werden von Fachplanern erstellt (Gebäudetechnikplaner, Bauingenieur, ev. Fassadenplaner etc.). Zuständig für die Gesamtkoordination und somit alle Schnittstellen ist jedoch das Architekturbüro. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Es sind aber nicht alle Architekturbüros gleich gut geeignet, um für eine mängelfreie Erstellung von detaillierten Leistungsverzeichnissen zu sorgen. Gute Voraussetzungen bestehen bei erfahrenen Universalarchitekten, weniger gute bei eher entwurfsorientierten Architekten.

A. Leistungsverzeichnisse von erfahrenen Universalarchitekten

Gemäss meinen Erfahrungen sind besonders diejenigen Architekturbüros gut geeignet, mängelfreie Leistungsverzeichnisse zu erstellen, welche den kommerziellen Aspekten der Bautätigkeit einen hohen Stellenwert beimessen. Es sind erfahrene Universalarchitekten. Gelegentlich werden sie auch als «Geschäftsarchitekten» bezeichnet. Sie bearbeiten immer wieder ähnliche Bauaufgaben, beispielsweise Bürogebäude oder Wohnüberbauungen mit standardisierten Wohnblocks. Im Architekturbüro gibt es mehrere Personen mit Jahrzehnte langer Erfahrung, die auf dem Gebiet der Bauausführung den Gesamtüberblick haben. Hauptsächlich verantwortlich für die Erstellung der Leistungsverzeichnisse ist zwar meist ein erfahrener Bauleiter, aber er hat mehrere kompetente Gesprächspartner, die sich ebenfalls leidenschaftlich für das Thema interessieren. Das können Firmeninhaber oder langjährige leitende Angestellte sein. Man findet immer die Zeit, um in informellen Gesprächen die heiklen Punkte zu besprechen. Aus Dutzenden von Projekten kennen die Wissensträger die kritischen Stellen, bei denen es schon Probleme gegeben hat. Der Umgang mit Schnittstellen ist ihnen bestens vertraut.

B. Leistungsverzeichnisse von entwurfsorientierten Architekten

Weniger gut befähigt zur Erstellung mängelfreier Leistungsverzeichnisse ist ein Architekturbüro, das betont auf die Planung ausgerichtet ist und nur in geringem Rahmen eigene Ausführung betreibt. Aufträge holt man nach Möglichkeit durch Wettbewerbserfolge. Bei vielen Projekten kümmert sich entweder ein Generalunternehmer oder ein externer Baumanager um die Bauausführung. Es gibt relativ wenige Projekte, bei denen selber Leistungsverzeichnisse erstellt werden müssen. Es kann sich dabei etwa um eine Parallelsubmission handeln, wo parallel zur normalen Submission von Arbeitsgattungen eine Generalunternehmersubmission durchgeführt wird. Für derartige Aufgaben hat es zwar einen Bauleiter im Büro, dem die Verantwortung für die Erstellung der Leistungsverzeichnisse übertragen werden kann. Er ist möglicherweise durchaus kompetent auf seinem Gebiet, aber er ist weitgehend ein Einzelkämpfer. Sachkundige Gesprächspartner im Architekturbüro findet er nicht so einfach. Vielfach fehlen auch die Zeit und das ehrliche Interesse für informelle Gespräche, denn die Leidenschaft der wichtigsten Wissensträger gilt eindeutig der Entwurfstätigkeit.

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Ursache 2 für Mängel in Leistungsverzeichnissen:
Bauarbeiten mit Überraschungspotential

Eine genauere Betrachtung ergibt, dass nicht alle Arbeitsgattungen und Bauaufgaben gleich anfällig sind auf Mängel in Leistungsverzeichnissen: Umbauten und Sanierungen sind wesentlich heikler als Neubauten, und Arbeitsgattungen ausserhalb des Gebäudes (primär Erschliessung und Umgebung) sind anspruchsvoller als das Gebäude selber.

Das Erstellen von Leistungsverzeichnissen ist somit besonders dann fehleranfällig, wenn Bauarbeiten in einem nur unvollständig bekannten Umfeld ausgeführt werden müssen. Bei Sanierungen kann die Beschaffenheit der bestehenden Bausubstanz Überraschungen bergen, bei Umgebungsarbeiten der bauherrenseitig zur Verfügung gestellte Baugrund.

(a) Umbauten und Sanierungen

Es ist generell schwieriger, Bauarbeiten an bestehenden Gebäuden durchzuführen als Gebäude komplett neu zu erstellen. Der Zustand der vorhandenen Bausubstanz ist dabei immer ein Unsicherheitsfaktor.

Die Unsicherheiten zeigen sich bereits im Baubeschrieb. Er kann selten so genau formuliert werden wie bei einem Neubau. Es darf daher nicht überraschen, dass alle Unsicherheiten auch in den Leistungsverzeichnissen enthalten sind. Siehe dazu auch den Abschnitt «Risiken bei Umbauten und Sanierungen» im Teil 2 über das Generalunternehmermodell (Seite 304 ff.).

(b) Grundstücksabhängige Arbeiten

Die Umgebungsarbeiten und die Erschliessung beinhalten Bauarbeiten direkt auf dem Grundstück. Da man nur die Oberfläche des Grundstücks sieht, nicht aber den unterirdischen Zustand, gibt es auch hier immer einen Unsicherheitsfaktor. Beispielsweise werden Leitungen nicht dort gefunden, wo man sie erwartet; oder der Baugrund weist nicht die erwartete Beschaffenheit auf.

Die Leistungsverzeichnisse der grundstücksbezogenen Bauarbeiten wie Umgebung und Erschliessung enthalten daher immer eine gewisse Unsicherheit. Die Mangelhaftigkeit wird dadurch verstärkt, dass die Anforderungen mit den Nachbarn oft noch nicht völlig geklärt sind, Behörden unerwartete Auflagen machen (zum Beispiel zur Versickerung des Meteorwassers) und Weiteres mehr.

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Methoden zur Erstellung mängelfreier Leistungsverzeichnisse

Es ist viel wichtiger, Mängel in Leistungsverzeichnissen von vornherein zu vermeiden, als sie nachträglich wieder herauszufiltern. Nehmen wir nun an, eine Bauherrschaft habe Zweifel, ob die für die Aufgabe vorgesehenen Planer der Herausforderung vollumfänglich gewachsen sind, mängelfreie Leistungsverzeichnisse zu erstellen. Es kann sich dabei beispielsweise um ein Architekturbüro handeln, das relativ selten selber Leistungsverzeichnisse erstellt (siehe oben: «Leistungsverzeichnisse von entwurfsorientierten Architekten»; Seite 172). Es wird aber darauf verzichtet, die Tätigkeit komplett einer externen Baumanagementfirma zu übertragen.

Die nachstehenden Massnahmen tragen dazu bei – einzeln oder in Kombination miteinander – mängelfreie Leistungsverzeichnisse zu erstellen.

(1) Erstellung durch spezialisierten externen Bauplaner

Man findet im Markt Fachleute der Bauausführung, die sich auf die Erstellung von Leistungsverzeichnissen spezialisiert haben. Sie treten beispielsweise als freie Bauleiter auf, die bei Bedarf aber auch nur Tätigkeiten auf dem Gebiet des Submissionswesens anbieten. Teilweise pflegen sie untereinander auch einen Wissensaustausch, indem sie ihre Erfahrungen gezielt einander weitergeben. Unter dieser Voraussetzung darf man erwarten, dass auch ein sehr anspruchsvolles Leistungsverzeichnis in der nötigen Qualität hergestellt werden kann.

Wenn die Erstellung eines Teils oder der Gesamtheit der Leistungsverzeichnisse vom Hauptauftrag des Architekten abgespalten und an einen externen Subauftragnehmer (z.B. selbständigen Baukostenplaner) übertragen wird, führt dies nicht zwangsläufig zu einem erhöhten Gesamthonorar. Die Leistungen des Architekten werden nämlich nicht vergrössert, sondern nur auf mehrere Stellen aufgeteilt.

(2) Erstellung durch Werkunternehmer

In Einzelfällen kann die Erstellung eines komplizierten Leistungsverzeichnisses auch einem Werkunternehmer übertragen werden. Grundsätzlich empfehle ich zwar eine strikte Trennung zwischen Bauplanung und Bauausführung: Wer plant, führt nicht aus, und umgekehrt. Es kann aber Fälle geben, in denen man von diesem Prinzip abweichen darf. Ein Beispiel sind die weiter vorne bereits angesprochenen Gipserarbeiten bei einem anspruchsvollen Bauvorhaben: Wer ist besser geeignet als ein Gipserunternehmer, für ein sehr komplexes Sanierungsprojekt das Gipserdevis zu erstellen?

Folgende Bedingungen sollten aus meiner Sicht aber erfüllt sein, damit dieses Vorgehen in Betracht gezogen werden kann: Der Werkunternehmer wird für die Erstellung des Leistungsverzeichnisses korrekt bezahlt, und die Mengenermittlung (Vorausmass) wird auch für Dritte gut nachvollziehbar dokumentiert. Nützlich ist aus meiner Sicht zudem eine schriftliche Erklärung des Werkunternehmers, dass es sich beim Leistungsverzeichnis um ein Qualitätsprodukt handelt und nicht um eine Dienstleistung aus Gefälligkeit (siehe nachfolgende Ausführungen).

(3) Leistungsverzeichnis aus Gefälligkeit kritisch beurteilen

Besondere Vorsicht ist geboten bei Leistungsverzeichnissen, die von Werkunternehmern, die mit dem Architekten aus langjährigen Geschäftsbeziehungen freundschaftlich verbunden sind, aus Gefälligkeit erstellt werden. Oft ist die Gefälligkeit kostenlos, manchmal wird eine geringe Entschädigung ausgerichtet. Das Problem bei Leistungsverzeichnissen aus Gefälligkeit ist, dass man an kostenlos erbrachte Dienstleistungen auch keine hohen Erwartungen stellen darf.

Ein Beispiel ist ein Leistungsverzeichnis für Tiefbauarbeiten im Bereich der Umgebungsgestaltung (Strassen und Plätze), das von einem befreundeten Werkunternehmer für ein Architekturbüro erstellt worden ist. Da der Aufwand zur Dokumentation der Vorausmasse minimal gewesen ist, haben die Ergebnisse kaum nachvollzogen werden können. Das Leistungsverzeichnis ist somit nur sehr eingeschränkt überprüfbar gewesen.

Vermutlich wäre es sinnvoller gewesen, einem entsprechend qualifizierten Planer (zum Beispiel einem Bauingenieur) die Erstellung des betreffenden Leistungsverzeichnisses im Auftragsverhältnis zu übertragen.

(4) Gesamtverantwortung regeln

Die Verantwortung für die Koordination aller Aktivitäten auf dem Gebiet der Erstellung der Leistungsverzeichnisse muss klar geregelt sein. Diese koordinierende Stelle stellt sicher, dass die vorgesehenen Bauarbeiten konsistent in alle Leistungsverzeichnisse einfliessen. Dazu gehören auch die Leistungsverzeichnisse der Spezialisten (Fachplaner) sowie allenfalls von Unterauftragnehmern (Divisierungsspezialisten) oder Werkunternehmern erstellte Leistungsverzeichnisse. – Es geht dabei etwa um Aspekte wie die folgenden: Wird der Baubeschrieb richtig verstanden? Sind die vorgesehenen Bauprovisorien bei einem Umbauprojekt bei allen betroffenen Arbeitsgattungen berücksichtigt? Sind die Abbrüche überall enthalten und richtig interpretiert? Werden die Ausschreibungspläne korrekt gelesen, beispielsweise beim Erstellen der Leistungsverzeichnisse für die Sanierung eines historischen Dachstuhls in Holzkonstruktion?

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Leistungsverzeichnisse gut überprüfbar konzipieren

Im Hinblick auf eine spätere Überprüfung ist es nötig, dass der Massenauszug nachvollziehbar dokumentiert wird. In der Praxis ist dies aber nicht der Normalfall. Man trifft immer wieder auf Leistungsverzeichnisse, die schlecht dokumentiert sind und kaum überprüft werden können. Beim oben genannten Leistungsverzeichnis aus dem Gebiet der Umgebungsgestaltung (Nummer 3) beispielsweise hat der Bauleiter während der ganzen Bauausführung bis zur Bauabrechnung nicht herausgefunden, auf welche Weise die Vorausmasse ermittelt worden sind.

Siehe dazu auch die Ausführungen zum Thema «Garantie für die Mängelfreiheit der Leistungsverzeichnisse» im Teil 2 über das Generalunternehmerwesen (Seite 294 ff.).

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5.3 Weitere Empfehlungen zur Ausschreibung

Nachfolgend befassen wir uns mit einigen weiteren Empfehlungen, die bei der Ausschreibung optional in Betracht gezogen werden können. Wir sprechen von der pauschalen (funktionalen) Ausschreibung (Option A), von Unternehmervarianten (Option B) und der Bildung von grossen Leistungspaketen (Option C).

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Option A:
Pauschale Ausschreibung mit Beschrieb und Plänen

Eine Strategie zu mängelfreien Ausschreibungsunterlagen kann darin bestehen, Leistungsverzeichnisse mit Normpositionen zu vermeiden und die Lieferung eines Teilwerks pauschal auszuschreiben. Im Prinzip geht man hier ähnlich vor wie bei der Generalunternehmersubmission, wobei Gegenstand der Ausschreibung nicht ein ganzes Bauwerk ist, sondern nur eine einzelne Arbeitsgattung (oder Teile davon). Baubeschrieb und Vertragspläne spezifizieren nicht ein Bauwerk, sondern ein Teilwerk. Grundsätzlich wird also in beiden Fällen nur beschrieben, welche Leistungsmerkmale das geforderte Werk erfüllen muss. Es wird lediglich mit Beschrieb und Plänen dokumentiert. Auf eine Mengenermittlung wird verzichtet, ebenfalls auf eine detaillierte Aufgliederung der Gesamtleistung auf kleine Leistungseinheiten (Normpositionen).

Die pauschale Ausschreibung in obigem Sinne (mit Beschrieb und Plänen) eignet sich meiner Ansicht nach für eine breite Palette von Arbeitsgattungen (z.B. Erstellen einer Baugrube, Ausführung von Schreinerarbeiten nach historischem Muster in einem alten Wohnhaus, Sanierung und Erweiterung einer Küche etc.).

Beispiel

Nehmen wir an, für den Umbau eines alten Wohnhauses seien Schreinerarbeiten auszuschreiben. Unter anderem geht es dabei um Verkleidungen von Wänden. Die Ausführung soll dem traditionellen Erscheinungsbild von Holzverkleidungen entsprechen, mit horizontalen und vertikalen Zierleisten.

Es zeigt sich schon an diesen Zeilen, dass mit Worten komplizierte Bauleistungen wenig anschaulich beschrieben werden können. Es ist zwar ohne Weiteres möglich, für eine Wandverkleidung ein Leistungsverzeichnis zu erstellen, das nur aus Normpositionen besteht. Aber alle Vor- und Nebenarbeiten einschliesslich allfälliger Zuschläge müssen dabei umständlich beschrieben werden. Die Gefahr ist gross, dass man dabei etwas vergisst.

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Plan für die pauschale Ausschreibung eines komplizierten Bauteils
(Schreinerarbeiten; Verkleidung eines Wandstücks)

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Viel eleganter ist es, komplette Bauteile wie etwa die Verkleidung eines Wandstückes im Detail zu zeichnen und als Einheit pauschal auszuschreiben. Anhand der Detailzeichnung (siehe Beispiel oben) erkennt der Anbieter genau, welche Nebenarbeiten er in den Pauschalpreis einrechnen muss (Anpassungen an Fenster, Decken, Innenecken etc.). Missverständnisse können dadurch vermieden werden.

Beurteilung der pauschalen Ausschreibung mit Beschrieb und Plänen

Mit pauschal ausgeschriebenen Werkleistungen entfällt das Risiko von mangelhaften Leistungsverzeichnissen. Finanzielle Nachforderungen, die damit begründet werden, sind somit nicht zu erwarten. – Es ist aber weiterhin möglich, dass der Beschrieb oder die Vertragspläne Mängel enthalten, die zu Nachforderungen Anlass geben können.

Durch die pauschale Ausschreibung verschiebt sich der Planungsaufwand zwischen Planern und Werkunternehmern. Bei den Planern wird der Arbeitsaufwand durch pauschal ausgeschriebene Werkleistungen tendenziell geringer. Nicht nur die Devisierungstätigkeit entfällt, bei einzelnen Arbeitsgattungen fällt auch der Verzicht auf das Ausmessen ins Gewicht. – Für den Werkunternehmer jedoch dürfte die pauschale Ausschreibung eher aufwendiger sein. Er kann sich nicht damit begnügen, in ein vorgängig ausgearbeitetes Leistungsverzeichnis die Preise einzusetzen. Er muss die einzelnen Arbeitsschritte selber identifizieren und auch die Mengen selber ermitteln. Aus diesem Grund ist die pauschale Ausschreibung nicht besonders gut geeignet für Arbeitsgattungen, bei denen der Arbeitsumfang für das Ermitteln der Vorausmasse gross ist. Dies ist beispielsweise gerade bei den mehrfach erwähnten heiklen Gipserarbeiten der Fall. Hier ist es unter Umständen eher angezeigt, ein mängelfreies Leistungsverzeichnis durch einen spezialisierten externen Bauplaner erstellen zu lassen (Seite 174).

Von der pauschalen Ausschreibung mit Beschrieb und Vertragsplänen (aber ohne Leistungsverzeichnis) zu unterschieden ist die sogenannte Pauschalierung von Einheitspreisverträgen, auf die wir später eingehen (Seite 187 f.). Hier wird für die Ausschreibung zuerst ganz normal ein Leistungsverzeichnis erstellt. Erst im Rahmen der Vergabe wird eine pauschale Vergütung vereinbart.

Funktionale Ausschreibung als Untervariante der pauschalen Ausschreibung

Eine Unterform der pauschalen Ausschreibung ist die funktionale Ausschreibung. Den Begriff der funktionalen Ausschreibung findet man vorzugsweise bei gebäudetechnischen Installationen. Hier werden Leistungswerte definiert, die das zu liefernde Teilwerk erfüllen muss. Es kann sich dabei etwa um eine Heizung oder eine Lüftungsanlage handeln. Es wird in der Regel darauf verzichtet, ein Leistungsverzeichnis zu erstellen und die Vorausmasse zu ermitteln. Das funktional ausgeschriebene Werk wird pauschal vergeben.

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Option B:
Unternehmervarianten prüfen

In Leistungsverzeichnissen ist normalerweise die Art der Arbeitsausführung im Detail festgelegt. Was passiert nun, wenn ein Unternehmer eine gute Idee hat und die ausgeschriebene Arbeit oder einen Teil davon auf eine andere Art besser oder günstiger ausführen kann? Vielfach werden derartige Vorschläge zu wenig ernsthaft geprüft. Es ist bei traditionellen Ausschreibungen zwar meistens möglich, dass ein Anbieter sogenannte Unternehmervarianten einbringen kann, aber oft ist es nicht mehr als eine Alibiübung. Viele Planer haben kein Interesse an Gegenvorschlägen, weil sie dadurch nur mehr Aufwand haben und allenfalls noch weniger Honorar bekommen. Etliche Unternehmer haben es daher aufgegeben, eigene Vorschläge zu unterbreiten, weil oft gar nicht darauf reagiert wird.

Hier gilt es Gegensteuer zu geben. Unternehmervarianten sind eine Chance, und die Bauherrschaft hat es in der Hand, das gedeihliche Klima dafür zu schaffen. Sie kann den Anbietern klar zu verstehen geben, dass eigene Vorschläge erwünscht sind und dass die Planer sie wohlwollend prüfen werden. Das Interesse der Planer an kostensparenden Unternehmervarianten kann allenfalls auch dadurch zusätzlich gesteigert werden, indem man ihnen für eine Unterschreitung des Kostenvoranschlags einen Bonus in Aussicht stellt (siehe Abschnitt «Bonus für kostenbewusste Bauausführung», Seite 120 ff.). Unternehmervarianten sind bei allen Arbeitsgattungen möglich. – Allerdings gibt es taugliche und untaugliche Vorschläge.

Ein guter Vorschlag

Ein Stahlbauer schlägt vor, bei einer 20 Meter hohen Halle die Stahlstützen in der Betondecke einzuspannen und nicht als Gelenk auszubilden. Ferner empfiehlt er ein anderes Stahlprofil. Der Bauingenieur rechnet den Vorschlag durch. Weil die Kosten tatsächlich geringer sind als bei der bisher vorgesehenen Lösung, erhält der Stahlbauer unter anderem aufgrund seines Unternehmervorschlags den Auftrag.

Ein untauglicher Vorschlag

Eine Montagefirma schlägt vor, für die Dachisolation anstelle der angegebenen einheimischen Wärmeisolation (Steinwolle) ein anderes, ausländisches Produkt zu verwenden. Nachforschungen ergeben aber, dass das preisgünstigere ausländische Fabrikat qualitativ nicht vergleichbar ist. Namentlich ist festgestellt worden, dass nach wenigen Jahren die ursprüngliche Dicke von 10 cm deutlich einfallen kann. Dieser Unternehmervorschlag wird daher nicht berücksichtigt.

Das Prinzip der Unternehmervarianten gilt es zu kultivieren. Dahinter steht die Grundüberlegung, dass man zwar die allgemeinen Anforderungen (Spezifikationen) für eine bestimmte Leistung vorschreiben soll, nicht aber die technische Lösung. Anders ausgedrückt: Das Ziel ist zu definieren, nicht der Weg zum Ziel.

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Option C:
Grosse Leistungspakete bilden

Das Thema der Bildung von grossen Leistungspaketen könnte man an und für sich auch im nachfolgenden Abschnitt «Bauarbeiten vergeben» (Seite 183 ff.) behandeln. Da es aber aus meiner Sicht bereits bei der Erstellung der Ausschreibungsunterlagen sinnvoll ist, den Aspekt der Bündelung von Leistungen einzubeziehen, behandeln wir ihn schon jetzt. Beispielsweise ist es möglich, durch eine geschickte Wahl der Bauteile und Konstruktionen die Anzahl der benötigten Handwerker zu reduzieren.

In der Industrie ist das Beschaffungswesen in den letzten Jahren erheblich verändert worden. Die Unternehmen sind zunehmend dazu übergegangen, die Anzahl ihrer Lieferanten zu reduzieren und von den wenigen übrig gebliebenen umfassende Leistungspakete zu beziehen. Diese Beschränkung auf wenige Unternehmer mit grossen Leistungsumfängen kann auch im Bauwesen handfeste Vorteile bringen, und zwar für beide Seiten, Bauherr und Unternehmer.

Vorteile für die Unternehmer

Ein Unternehmer kann mit einem umfangreicheren Auftrag oft kostengünstiger arbeiten. Viel Potential für rationellere Arbeit besteht namentlich an den Schnittstellen zwischen den einzelnen Tätigkeiten. Nehmen wir an, ein einziger Unternehmer werde mit dem Auftrag für alle Oberflächenverkleidungen (Malerei, Teppiche, Plättli, Gipser etc.) betraut. Dadurch werden eine Reihe interessanter Vereinfachungen möglich. Alle Arbeitsgänge werden von der gleichen Führung koordiniert, was ein zügiges Arbeiten erlaubt. Der oft beträchtliche Reiseanteil zwischen den verschiedenen Baustellen wird reduziert. Leerläufe können minimiert werden. Aber auch die Qualität wird vermutlich besser. Der Gipser beispielsweise wird kaum die Arbeit des Malers beschädigen – und umgekehrt.

Vorteile für den Bauherrn

Die Arbeit wird auch für den Bauherrn respektive seine Bauleitung einfacher, wenn weniger Unternehmer ein grösseres Arbeitsvolumen ausführen. Um viele Schnittstellenprobleme muss sie sich nicht kümmern.

Dies zeigt sich beispielsweise bei der Leichtbaufassade eines Industriebaus, wo für die Montage in der Regel ein Gerüst benötigt wird. Die Bauleitung hat zwar die nötigen Kenntnisse, um die Fassade und das Gerüst je einzeln auszuschreiben und zu bestellen. Vielfach ist es aber besser, wenn das Gerüst im Leistungsumfang des Fassadenbauers eingeschlossen wird und dieser sich darum kümmert. Er kann das nämlich mindestens so gut wie ein Architekt oder Bauleiter. Dadurch ist die Bauleitung aber einige Sorgen los. Der Fassadenbauer ist jetzt verantwortlich, dass das Gerüst rechtzeitig aufgestellt wird und seinen Ansprüchen genügt, insbesondere auch was die Sicherheit anbelangt. Im eigenen Interesse nimmt er diese Verantwortung vollumfänglich wahr.

Generell wird die Projektführung einfacher, wenn weniger Unternehmer zu koordinieren sind. Durch die Bildung grosser Leistungspakete wird ein Teil der Führungsarbeit von der Bauleitung auf die Unternehmer verlagert. Zudem nimmt der Aufwand für die Administration ab. Es gibt weniger Ausschreibungen, Abgebotsverhandlungen, Verträge und dergleichen. Man braucht weniger Zeit und produziert weniger Papier.

Nicht vergessen darf man allerdings, dass das Risiko von Bauhandwerkerpfandrechten ansteigt, wenn die Unternehmer viele Leistungen an Subunternehmer vergeben. Dagegen kann man sich aber recht gut absichern. Näheres siehe die Ausführungen zum Bauhandwerkerpfandrecht (Seite 149 f.).

Beispiel: grosse Leistungspakete bei einem kleinen Umbau

Am Beispiel eines kleinen Umbauvorhabens wollen wir uns mit dem Prinzip der grossen Leistungspakete befassen. Kleinere Bauvorhaben und speziell Umbauten haben den Ruf, besonders teuer zu sein. Hier lohnt es sich, Unternehmer auszuwählen, denen möglichst grosse Arbeitspakete übertragen werden können. Je kleiner die Bauaufgabe ist, desto geringer soll die Anzahl der beteiligten Unternehmer sein.

Im konkreten Projekt wird ein Stockwerk eines alten Holzhauses behindertengerecht umgebaut. Unter anderem wird ein neues Badezimmer eingerichtet und die Raumeinteilung etwas abgeändert. An der Fassade sind nur geringe Eingriffe nötig, und das Dach ist gar nicht betroffen. Obschon bei diesem Bauvorhaben alle üblichen Installationsarbeiten vorkommen (Sanitär, Heizung, Stark- und Schwachstrom), kommt man mit drei Haupthandwerkern und einigen Nebenhandwerkern aus.

Vielfach leistet bei Holzhäusern der Bauschreiner die Hauptarbeit. Sein Gebiet umfasst Wandverkleidungen, Türen, Fenster, Parkettböden und dergleichen. Es ist sinnvoll, dass er ebenfalls nichttragende Leichtbauwände ausführt, wodurch man sich den Gipser spart. Weitere zwei Haupthandwerker sind nötig für die Installationen. Der eine ist mit Vorteil ein Allrounder für Sanitär und Heizung, der andere ein Elektriker.

Neben diesen drei Haupthandwerkern sind für meist kleinere Arbeiten weitere Handwerker nötig für den Rohbau (Baumeister, Zimmermann) sowie für den Ausbau (Plättlileger, Maler). Zusammen kommt man auf fünf bis sieben Handwerker. Gemäss meinen Erfahrungen reicht diese Anzahl bei vielen Umbauten aus.

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Benötigte Handwerker für ein kleines Bauvorhaben (Umbau eines alten Holzhauses)

Haupthandwerker
— Bauschreiner
— Allrounder für Heizung und Sanitär
— Elektriker

Nebenhandwerker
— für Rohbau: Baumeister, Zimmermann
— für Ausbau: Maler, Plättlileger

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Bei ganz kleinen Bauvorhaben verzichtet der Bauherr oft auf einen Architekten. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, einem der Haupthandwerker (beispielsweise dem Schreiner) zusätzlich die örtliche Bauleitung (Koordination der übrigen Handwerker) zu übertragen.

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5.4 Bauarbeiten vergeben

Das Feilschen um Rabatte bei der Vergabe von Bauarbeiten gilt in vielen Kreisen als Inbegriff des Kostensparens. In diesem Abschnitt gehen wir darauf ein, was es damit auf sich hat und was die Bauherrschaft zur Arbeitsvergabe beitragen kann.

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Der übliche Ablauf bei der Arbeitsvergabe

Zuerst wollen wir uns einen Überblick verschaffen, wie Arbeitsvergaben normalerweise ablaufen und welche Vorarbeiten damit verbunden sind. Wir gehen davon aus, dass eine Anzahl Anbieter Offerten für eine bestimmte Arbeitsgattung ausgearbeitet hat. Bei privaten Bauvorhaben werden die Offerten in der Regel direkt bei der Bauleitung eingereicht (und nicht bei der Bauherrschaft), obwohl die Bauherrschaft später Vertragspartnerin der Unternehmer sein wird.

Zunächst werden die eingegangenen Offerten von der Bauleitung geprüft. Unklarheiten werden beseitigt und Rechenfehler korrigiert. Aufgrund der bereinigten Offerten wird ein erster Offertvergleich erstellt. Anhand dieser Unterlagen wird entschieden, mit welchen Unternehmern weitere Verhandlungen geführt werden sollen. Es ist eine weitverbreitete Sitte im Bauwesen, vor der Auftragsvergabe den Anbietern die Chance zu geben, den Preis nochmals anzupassen. Ein Preiszugeständnis nach der Abgabe der Offerte bezeichnet man als Abgebot. Neben dem Preis werden im Rahmen der Vertragsverhandlungen meistens noch eine Reihe weiterer Punkte besprochen und bereinigt, etwa Termine oder Zahlungsbedingungen. Diese Vereinbarungen werden in einem formularartigen Verhandlungsprotokoll festgehalten, das beim ausgewählten Anbieter später Bestandteil des Werkvertrages sein wird.

Nach den Vertragsverhandlungen erstellt die Bauleitung einen aktualisierten Offertvergleich. Zusätzlich nimmt sie bei Bedarf weitere Abklärungen vor (Bonität überprüfen, Referenzen einholen, Qualität der letzten Aufträge beurteilen etc.). Jetzt hat die Bauherrschaft die nötigen Informationen, um den Vergabeentscheid fällen zu können.

Einige Bauherrschaften wollen sich aber nicht mit dem letzten Entscheid begnügen, sondern selber aktiv an den Vertragsverhandlungen mitwirken. Was ist davon zu halten? Meiner Ansicht nach sollten sich entsprechend interessierte Bauherrschaften diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Nachfolgend gebe ich dazu einige Hinweise.

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Vertragsverhandlungen durch die Bauherrschaft

Es ist durchaus möglich, dass die Bauherrschaft die Vertragsverhandlungen mit den Unternehmern aktiv mitgestaltet. Einige Bauherren sind geradezu prädestiniert dafür. Ich denke da beispielsweise an Industrieunternehmen. Wenn diese bauen, kaufen sie die Bauleistungen vielfach über ihre eigenen Einkaufsorganisationen ein. Gemäss meinen Erfahrungen erreichen sie oft bessere Konditionen als die Planer. Die ausgebufften Einkäufer im Industriebereich scheinen somit beim Einkaufen von Bauleistungen ebenfalls ihre Qualitäten zu haben. – Aber auch Privatpersonen können bei ihren eigenen Bauvorhaben durchaus gute Einkäufer sein.

Neben dem rein kaufmännischen Geschick gibt es noch einen anderen Grund, wieso Laien bessere Verhandlungsergebnisse erreichen können als Baufachleute. Sie stehen ausserhalb der Baubranche und müssen auf niemanden Rücksicht nehmen. Zwischen Architekten und Werkunternehmern bestehen nämlich gelegentlich unsichtbare Bande, die ein Bauherr nicht erkennen kann. Nehmen wir an, ein Architekt und ein Baumeister halten sich gegenseitig immer wieder Aufträge zu. Der bauleitende Architekt wird sich bei dieser Voraussetzung bei Vertragsverhandlungen mit dem betreffenden Baumeister eine gewisse Zurückhaltung auferlegen. Der Bauherr jedoch ist völlig unbelastet und erreicht dadurch möglicherweise bessere Konditionen.

Daraus soll die private Bauherrschaft nicht die Empfehlung ableiten, dass sie sich unbedingt selber um Vertragsverhandlungen mit Anbietern kümmern soll. Aber wenn sie Lust darauf hat, darf sie es getrost tun. Vermutlich wird es sich lohnen. Es ist nämlich altbekannt im Bauwesen, dass der Bauherr als letzte Entscheidungsinstanz bei der Arbeitsvergabe hinsichtlich des Preises oft noch etwas herausholt. Mancher Werkunternehmer erwartet es sogar, dass sich der Bauherr selber vor dem Entscheid noch bei ihm meldet.

Falls sich die Bauherrschaft zu einem aktiven Mitwirken bei den Vertragsverhandlungen entschliesst, folgt der normalen (ersten) Abgebotsrunde eine weitere. Die erste wird von der Bauleitung bestritten, die zweite von der Bauherrschaft. Grundlage für die Verhandlungen ist ein Offertvergleich, der von der Bauleitung erstellt wird. Im nächsten Absatz ist ein Beispiel dargestellt.

Oft wird das letzte Verhandlungsgespräch zwischen Bauherr und anbietendem Werkunternehmer telefonisch geführt. In der Regel geht es nur noch um ein zusätzliches Entgegenkommen beim Preis, indem beispielsweise der offerierte Rabatt von 6% auf 8% erhöht wird. Derartige Verhandlungen über den Preis können auch von Gelegenheitsbauherren geführt werden, die in aller Regel auf bautechnischem Gebiet Laien sind. Heikler wird es, wenn der Anbieter differenzierter verhandeln will. Vielleicht will er die Preise nicht generell reduzieren, sondern nur bei einigen ausgewählten Positionen. Es kann auch sein, dass er ein anderes Vorgehen vorschlägt. Bei solchen Verhandlungen dürfte die nicht sachkundige Bauherrschaft schnell an Grenzen stossen. Entweder bringt sie den Anbieter dazu, sich auf den Preis an und für sich zu beschränken, oder sie vertagt die Schlussverhandlungen. Das letzte Gespräch mit dem Unternehmer vor dem formellen Vertragsabschluss muss dann zusammen mit der Bauleitung geführt werden.

Öffentliches Beschaffungswesen

Die obigen Ausführungen zum Submissionswesen und zur Arbeitsvergabe beziehen sich nur auf die Verhältnisse in der Privatwirtschaft. Bei der öffentlichen Hand sind die Abläufe ganz anders. Hier gelten die Regeln des öffentlichen Beschaffungswesens (WTO, GATT). Abgebotsverhandlungen sind bei einzelnen öffentlichen Bauherren möglich (zum Beispiel bei der Schweizerischen Eidgenossenschaft), bei anderen jedoch nicht. Kleine Geschenke an Geschäftspartner, die im privatwirtschaftlichen Baugewerbe weitverbreitet sind, sind hier absolut undenkbar.

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Der Offertvergleich als Basis der Arbeitsvergabe

Der Offertvergleich (auch Preisspiegel genannt) ist ein wichtiges Arbeitsinstrument für die Bauherrschaft (siehe nachfolgendes Beispiel). Er dient als Entscheidungsgrundlage für die Arbeitsvergabe und nützt ihr bei allfälligen vorgängigen Verhandlungen.

Die Bauherrschaft hat Anspruch auf einen sauberen Offertvergleich, und sie soll sich nicht dazu drängen lassen, den Vergabeentscheid ohne ihn zu fällen. Die Baupraxis sieht leider nicht immer so aus. Einmal habe ich einen ziemlich ratlosen Bauherrn eines Einfamilienhauses getroffen, vor sich einen Ordner voll mit Offerten. Der Architekt hat ihm vor seiner Abreise in die Ferien den Ordner in die Hand gedrückt. Anhand der nicht bereinigten Originalofferten hat sich nun der bedauernswerte Bauherr darangemacht, die geeigneten Bauhandwerker wie Baumeister, Zimmermann und Gipser auszuwählen.

Bauherren sind Laien. Offerten sind für sie in der Regel kaum lesbar. Das richtige Arbeitsinstrument sind deshalb Offertvergleiche – und um mehr braucht sich die Bauherrschaft nicht zu kümmern.

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Beispiel eines Offertvergleichs für Baumeisterarbeiten

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Pauschale Vergaben anstreben

Im Absatz «Option A: Pauschale Ausschreibung mit Beschrieb und Plänen» weiter vorne in diesem Kapitel (Seite 176 ff.) haben wir uns bereits mit der pauschalen Vergabe von Bauleistungen beschäftigt. Das Merkmal dieser Ausschreibungsvariante ist, dass das zu beschaffende Werk (Arbeitsgattung) nur mit Beschrieb und Plänen spezifiziert wird. Auf die Erstellung eines detaillierten Leistungsverzeichnisses wird verzichtet. Man geht bei der Ausschreibung also ähnlich vor wie im Generalunternehmergeschäft. – Es können jedoch auch Bauleistungen pauschal vergeben werden, die auf die traditionelle Weise mit detaillierten Leistungsverzeichnissen ausgeschrieben worden sind. Darauf gehen wir nachfolgend ein.

Pauschalierung von Einheitspreisverträgen

Angebote für Bauleistungen bestehen oft aus umfangreichen Leistungsverzeichnissen. Die Anbieter setzen Position für Position Einheitspreise in die Offerten ein. Bei vielen Arbeitsgattungen ist es nun möglich und sinnvoll, im Rahmen der Vertragsverhandlungen eine pauschale Vergabe anzustreben. Die Umwandlung eines Angebots mit vorwiegend Einheitspreisen in einen Werkvertrag mit pauschaler Vergütung wird in der Literatur etwa als «‹Pauschalierung› der Einheitspreis-Offerte» bezeichnet (Gauch, Werkvertrag, Seite 383). Die Vergabe zu einem pauschalen Preis hat den Hauptvorteil, dass die Risiken im Hinblick auf Kostenüberschreitungen reduziert werden können: Nachforderungen infolge angeblich unklarer Einzelpositionen sind weniger wahrscheinlich, und Regiearbeiten können zum grossen Teil eingeschlossen werden. Zudem erübrigt sich das Ausmessen.

Die Pauschalierung von Einheitspreisverträgen ist bei den meisten Arbeitsgattungen möglich: Baumeisterarbeiten, Stahlbau, Heizung, Lüftung, Bodenbeläge und weitere mehr. Es können sogar Malerarbeiten bei Umbauten und Renovationen pauschal vergeben werden. Voraussetzung bei allen Pauschalierungen ist allerdings, dass bereits die Ausschreibung im Hinblick auf eine pauschale Arbeitsvergabe angefertigt wird. Die zu erbringenden Leistungen müssen hinsichtlich Art, Umfang und Qualität eindeutig beschrieben sein. Ferner sollen die Mengen keine (oder offen ausgewiesene) Ausmassreserven enthalten. Es muss auch eine gewisse Gewähr vorhanden sein, dass am Projekt nicht mehr viel geändert wird.

Es empfiehlt sich, den Anbietern die Grundlagen der Massenermittlung (und nicht nur die Ergebnisse) zu überlassen. In der Schweiz existiert diesbezüglich keine spezielle Tradition. In anderen Ländern allerdings, wo die pauschale Vergabe häufiger ist, werden Massenauszüge mit einem hohen Grad an Professionalität erstellt. Diese wichtigen Arbeitsunterlagen sind sehr transparent und erleichtern es dem Anbieter, sich für eine pauschale Leistungserbringung zu verpflichten.

Manchmal kann es angezeigt sein, gewisse Teilleistungen aus dem pauschalen Leistungspaket herauszunehmen. Nehmen wir an, zum Zeitpunkt der Ausschreibung der Baumeisterarbeiten sei noch nicht klar, welche Art der Armierung für eine Bodenplatte einer Industriehalle gewählt wird. Es empfiehlt sich in diesem Fall, die Armierung nach Aufwand offen abzurechnen. Wenn eine Leistung hinsichtlich Quantität oder Qualität nicht genau beschrieben werden kann, sollte sie nicht pauschalisiert werden. Andernfalls übernimmt eine der Vertragsparteien unkalkulierbare Risiken.

Viele der Leistungen dagegen, die bei Einheitspreisverträgen oft in Regie abgerechnet werden, können in den Pauschalpreis eingeschlossen werden. Ein typisches Beispiel sind die sogenannten Zuputzarbeiten des Baumeisters. Zuputzarbeiten sind nötig, um die Aussparungen in Wänden und Decken nach dem Verlegen der Installationen wieder zu schliessen. Ein Blick in die entsprechenden Pläne (Aussparungsplan, Leitungsführungsplan) gibt dem anbietenden Unternehmer Aufschluss über den Umfang der Arbeiten. Weil der Aufwand daher kalkuliert werden kann, darf auch eine pauschale Verrechnung verantwortet werden.

Bei seriösen Ausschreibungen und detaillierten Plänen gibt es nur wenige Arbeiten, die nicht in den Pauschalpreis eingeschlossen werden können und in Regie abzurechnen sind. Ich habe beispielsweise schon aufwendige Schreinerarbeiten für Umbauten pauschal vergeben, die diverse Ausbesserungen und Anpassungen an der vorhandenen alten Bausubstanz enthalten haben. Dieses Vorgehen ist nach getaner Arbeit von beiden Vertragsparteien als gute Lösung bezeichnet worden.

Schlussbetrachtung und Empfehlung

Die beiden Varianten von pauschaler Vergabe haben unterschiedliche Vor- und Nachteile. Die weitere vorne besprochene Variante (Pauschale Ausschreibung mit Beschrieb und Plänen, aber ohne Leistungsverzeichnis; Seite 176 ff.) ist für die Planer vermutlich einfacher. Sie hat aber den Nachteil, dass das Angebot nur aus einer einzigen Zahl besteht (Gesamtpreisangebot). Offertvergleiche können daher unter Umständen nicht so einfach durchgeführt werden, und es kann auch schwieriger sein, bei Bestellungsänderungen allfällige Nachtragspreise festzulegen.

Es spricht darum einiges dafür, das Angebot (wie oben beschrieben) in Form von Einheitspreisen einzuholen und den Preis erst im Rahmen der Arbeitsvergabe zu pauschalieren. Voraussetzung ist natürlich, dass das notwendige Wissen vorhanden ist, um ein möglichst mängelfreies detailliertes Leistungsverzeichnis erstellen zu können. Falls dies nicht der Fall ist, würde ich im Hinblick auf eine pauschale Vergabe eher empfehlen, die Arbeiten nur mit Beschrieb und Vertragsplänen auszuschreiben (ohne Leistungsverzeichnis).

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Unternehmerklauseln

Als letzten Punkt im Kapitel 5 über Aspekte der Ausschreibung und Vergabe von Werkvertragsleistungen gilt es noch die Unternehmerklauseln zu erwähnen: Sie sind eine Plage in der Bauwirtschaft. Im juristischen Sinn sind sie als Vorverträge zu verstehen, die eine Bauherrschaft dazu verpflichten, mit einem bestimmten Unternehmer für eine Bauleistung einen Werkvertrag abzuschliessen. Unternehmerklauseln entstehen vielfach dadurch, dass Grundstücke mit sogenannten Handwerkerverpflichtungen verkauft werden. Der Käufer erwirbt ein Grundstück mit der Auflage, für die spätere Bauausführung einen bestimmten Baumeister, Gipser oder Spengler bei der Arbeitsvergabe zu berücksichtigen, und zwar zu «mittleren Konkurrenzpreisen». Im Falle eines Handwerkerkonsortiums kann es eine ganze Gruppe von Handwerkern sein.

Für die Bauherrschaft stellt sich bei Handwerkerverpflichtungen das ernsthafte Problem, dass sie nur schwer herausfinden kann, was «mittlere Konkurrenzpreise» sind, weil gar keine echte Konkurrenz möglich ist. Sie hat gemäss Gauch (vgl. Gauch, Werkvertrag, Seite 172) zwei Möglichkeiten, bei aussenstehenden Unternehmern Angebote einzuholen. Beide sind undankbar: (1) Sie kann den angefragten Unternehmern reinen Wein einschenken und erklären, dass ihre Offerten nur Alibiübungen sind. Dann wird sie vermutlich auch nur unsorgfältige Alibiofferten erhalten. Oder (2) sie verheimlicht den Unternehmern den wahren Sachverhalt. Dann bringt sie die getäuschten Unternehmer gegen sich auf und riskiert allenfalls sogar, wegen des Verstosses gegen Treu und Glauben rechtlich belangt zu werden.

Meines Erachtens kann noch eine dritte Möglichkeit in Betracht gezogen werden. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, angefragte Unternehmer über die Unternehmerklausel offen zu informieren, aber für die Ausarbeitung einer Offerte etwas zu bezahlen. Dadurch besteht die reelle Chance, am Markt orientierte Offerten zu bekommen, ohne die Anbieter täuschen zu müssen.

Wenn eine Bauherrschaft erwägt, sich nicht an eine vorhandene Unternehmerklausel zu halten, steht sie je nach Situation möglicherweise gar nicht mit so schlechten Karten da. Beispielsweise sei daran erinnert, dass Unternehmerklauseln verjähren können. Ein versierter Jurist kann im Einzelfall die Situation rasch beurteilen. Eines jedenfalls ist sicher: Es ist praktisch ausgeschlossen, dass bei einer Handwerkerverpflichtung der Abschluss eines Werkvertrages richterlich erzwungen werden kann (Gauch, Werkvertrag, Seite 175).


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