Kolumnen über das Vertragswesen in der Bauwirtschaft

Lesedauer ca. 8 Minuten. –  


Dieser Sammelbeitrag enthält vier leicht bearbeitete Kolumnen von mir über das Vertragswesen in der Bauwirtschaft. Die kurzen Textbeiträge sind in einer baubezogenen Fachzeitschrift erschienen (Näheres siehe bei den entsprechenden Texten) und umfassen je rund 1’500 Zeichen (einschliesslich Leerzeichen).

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Beitrag A: SIA-Norm 118 – Mehr als eine Norm

Die SIA-Norm 118 («Allgemeine Bedingungen für Bauarbeiten») prägt das Bauen in einem Ausmass, das wohl nicht allen voll bewusst sein dürfte, die in der Bauwirtschaft tätig sind.

An und für sich ist das Obligationenrecht dafür massgebend, wie in der Wirtschaft im Allgemeinen und in der Baubranche im Besonderen Geschäfte getätigt werden. Genauer gesagt handelt es sich dabei primär um das Werkvertragsrecht, das im Gesetz (Obligationenrecht) geregelt ist. Im Rechtsalltag des Bauens merkt man vom Obligationenrecht aber nicht besonders viel. Es ist zwar überall im Hintergrund vertreten, aber an der Oberfläche tritt etwas anderes in Erscheinung: die SIA-Norm 118 «Allgemeine Bedingungen für Bauarbeiten».

Betrachten wir als Beispiel das Garantiewesen, das jedermann in der Bauwirtschaft kennt. Die SIA-Norm 118 regelt, wie die Garantie im Bauwesen normalerweise beschaffen ist. Sie zeichnet sich etwa durch eine relativ lange Rügefrist aus (2 Jahre ab Abnahme), durch das Primat der Nachbesserung (Nachbesserungsrecht) sowie durch eine Sicherheitsleistung für den Garantiebetrag (Solidarbürgschaft; umgangssprachlich oft als Garantieschein bezeichnet). Diese Vereinbarungen sind ziemlich weit vom normalen Werkvertragsrecht im Obligationenrecht entfernt, wenn man mir diese grobe Vereinfachung erlaubt. Für den durchschnittlichen Rechtsanwender im Baugewerbe dürfte es daher wichtiger sein, die SIA-Norm 118 zu kennen als das Obligationenrecht.

Es ist ein Segen, dass die SIA-Norm 118 so konstant ist. Im Jahre 2013 letztmals revidiert, ist sie seit Jahrzehnten fast unverändert in Gebrauch. Sie ist darum langsam in das kollektive Unbewusste fast aller Bauschaffenden eingedrungen, auch der gewöhnlichen Bauhandwerker. Nicht nur der Firmenchef oder das mittlere Kader weiss, um was es beispielsweise bei der Garantie geht, sondern auch der Lehrling oder der ungelernte Bauarbeiter aus Portugal.

In der Bauwirtschaft kann man sich das Vertragswesen ohne die SIA-Norm 118 fast nicht mehr vorstellen.


Textgeschichte
Dieser Text ist die leicht bearbeitete Fassung einer Kolumne von mir, die im Februar 2014 in der Zeitschrift «intelligent bauen» (Fachkom GmbH, Langnau a.A.) erschienen ist (Seite 56).
Die Kolumne basiert auf einer umfassenden Darstellung des Themas in meinem Buch «Mit wem baue ich? – Bauausführung aus Bauherrensicht» (Jahr 2013). Die Ausführungen zur SIA-Norm 118 sind im Kapitel 4 «Werkvertrag» zu finden (ab Seite 134).
Das ganze Kapitel 4 «Werkvertrag» ist als umfangreiche Leseprobe verfügbar, und zwar hier >>>
Siehe auch Buchhinweis am Ende des Sammelbeitrags.

Beitrag B: Vom Mustervertrag des VSGU für Generalunternehmerverträge

Den wahren Nutzen des Mustervertrags des Verbandes Schweizerischer Generalunternehmer (VSGU) samt den dazu gehörenden Allgemeinen Vertragsbedingungen (AVB) nimmt man im GU-Geschäft erst dann richtig wahr, wenn man es einmal mit einem Vertrag zu tun hat, der nicht auf dieser branchenweit benutzten Vorlage basiert.

Speziell für Gelegenheitsbauherren ist es ein Nachteil, wenn die AVB nicht angewendet werden. Ohne standardisierte Vertragsbedingungen ist nämlich jeder Vertrag anders aufgebaut. Die wenig sachkundige Bauherrschaft weiss dann nicht, ob die vorgeschlagenen Vertragsinhalte branchenüblich sind oder ob etwas Wichtiges fehlt.

Wenn es die AVB des VSGU nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Sie erleichtern den Abschluss von GU-Verträgen von grösseren Bauprojekten erheblich. Sie sind das Pendant zur SIA-Norm 118 («Allgemeine Bedingungen für Bauarbeiten»). Letztere vereinheitlicht normale Werkverträge, der VSGU-Mustervertrag GU-Verträge.

Mit den beiden Arten von Allgemeinen Vertragsbedingungen werden wichtige Vereinbarungen zwischen den Vertragsparteien definiert, welche die ganze Branche prägen. Bei der SIA-Norm 118 ist es beispielsweise das Rügerecht bei Werkmängeln während zwei Jahren, bei den AVB des VSGU die unterschiedlichen Methoden der Preisbestimmung oder das Wesen der GU-Qualitätsgarantie (Gewährleistung).

Der häufige Gebrauch des VSGU-Mustervertrags in der GU-Branche ist für den Gelegenheitsbauherrn vorteilhaft, denn es erhöht die Sicherheit des Bestellers.

Anmerkung (angefügt im Februar 2018)
Der Verband der grossen Generalunternehmer in der Schweiz hat einen neuen Namen erhalten und dadurch auch sein Mustervertrag. Der VSGU (Verband Schweizerischer Generalunternehmer) heisst neu «Entwicklung Schweiz». Seit 2015 trägt daher auch der  Mustervertrag diesen Namen.


Textgeschichte
Dieser Text ist die leicht bearbeitete Fassung einer Kolumne von mir, die in der Ausgabe Juli/August 2014 der Zeitschrift «Intelligenz bauen» (Fachkom GmbH, Langnau a.A.) erschienen ist (Seite 56).
Die Kolumne basiert auf einer umfassenden Darstellung des Themas in meinem Buch «Mit wem baue ich? – Bauausführung aus Bauherrensicht» (Jahr 2013). Die Ausführungen zum Mustervertrag des VSGU sind im Kapitel 8 «Generalunternehmer-Werkvertrag» zu finden (ab Seite 219).
Das ganze Kapitel 8 «Generalunternehmer-Werkvertrag» ist als umfangreiche Leseprobe verfügbar, und zwar hier >>>
Siehe auch Buchhinweis am Ende des Sammelbeitrags.

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Beitrag C: Vertragsfragen bei Typenhäusern

Unter einem Typenhausvertrag verstehen wir die Bestellung eines kompletten Wohngebäudes im Werkvertrag zu einem festen Preis. Es handelt sich somit um ein generalunternehmer-ähnliches Beschaffungsverfahren.

Anders als man es vielleicht vermuten könnte, ist es für den Bauherrn nicht besonders einfach, einen derartigen Vertrag abzuschliessen. Es gibt drei Gründe, wieso ein Typenhausvertrag für den Bauherrn eine Herausforderung darstellt.

Erstens geht es um sehr viel Geld. Ein Typenhausvertrag ist vermutlich der grösste Vertrag, den die meisten Gelegenheitsbauherren in ihrem Leben abschliessen.

Zweitens gibt es für dieses Marktsegment keinen allgemein anerkannten und weit verbreiteten Mustervertrag. Jeder Vertrag ist anders aufgebaut, und einige unter ihnen kommen in ziemlich handgestrickter Form daher. Gelegentlich fehlt auch die Ausgewogenheit, welche beispielsweise den VSGU-Mustervertrag für grosse GU-Projekte auszeichnet.

Drittens hat der Bauherr keinen Berater, der ihn berät beim Abschluss des Vertrages. Während bei grossen GU-Projekten der Bauherr oft vom Architekten in Vertragsfragen unterstützt wird, hat der Bauherr bei Typenhäusern meistens überhaupt keinen sachkundigen Berater, der vorbehaltlos seine Interessen wahrnimmt. Er verfügt zwar über einen Ansprechpartner bei der Typenhausfirma. Dessen Stellung ist aber gelegentlich etwas dubios. Er hat nicht den Status eines Treuhänders für seinen Bauherrn. Er ist mehr ein Verkäufer und  darum auch an seiner Provision interessiert. Dies kann zu Interessenkonflikten führen, die sich negativ für den Bauherrn auswirken können.

Das Typenhausmodell erscheint für den Bauherrn ein kaum risikobehaftetes Realisierungsmodell zu sein. Das ist auch nicht ganz falsch: Er bekommt die ganze Leistung aus einer Hand, und der Preis des Bauwerks ist garantiert. Den Abschluss des Vertrages dagegen würde ich nicht als einfach und risikolos einstufen.


Textgeschichte
Dieser Text ist die leicht bearbeitete Fassung einer Kolumne von mir, die im Dezember 2014 in der Zeitschrift «intelligent bauen» (Fachkom GmbH, Langnau a.A.) erschienen ist (Seite 57).
Die Kolumne basiert auf einer umfassenderen Darstellung des Themas in meinem Buch «Mit wem baue ich? – Bauausführung aus Bauherrensicht» (Jahr 2013). Siehe dazu das Kapitel 12 «Typenhäuser» ab Seite 359.
Siehe auch Buchhinweis am Ende des Sammelbeitrags.

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Beitrag D: Kostengarantievertrag SIA

Jahrzehntelang hat es im Bauwesen die zwei klassischen Realisierungsmodelle gegeben: die traditionelle Bauausführung mit Einzelunternehmern auf der einen Seite, das Generalunternehmermodell auf der anderen Seite.

Seit ein paar Jahren ist im Baumarkt nun etwas völlig neues auf dem Markt: der Kostengarantievertrag SIA. Diese Innovation ist eigentlich schon lange zu erwarten gewesen. Es handelt sich dabei um eine Mischform der beiden Varianten.

Das neue Modell basiert auf der traditionellen Art der Bauausführung, welche etwa 85% Marktanteil aufweist. Der Gesamtleiter (meist der Architekt), der das Planerteam führt, ist unverändert die wichtigste Ansprechperson des Bauherrn. Für die zusätzliche finanzielle Sicherheit sorgt der so genannte Garant, welcher als Controllinginstanz das Projekt begleitet. Mit der innovativen Komponente der Kostengarantie wird ein Bedürfnis abgedeckt, das praktisch alle Bauherren haben und bei den meisten einen hohen Stellenwert einnehmen dürfte.

Speziell die Architekten erachten es als positiv, dass beim neuen Modell sie selber für die Kostengarantie verantwortlich sind, und nicht der ausführende Partner (Generalunternehmer). Es gibt nämlich die latente Befürchtung unter den Planern, dass kostenbewusste Werkunternehmer (Generalunternehmer) nicht davor gefeit seien, die Qualität (und insbesondere die gestalterische Qualität) den Kosten zu opfern. Anders ausgedrückt: hohe (gestalterische) Qualität auch bei gedrückten Kosten gäbe es nur dann, wenn die Planer auch während der Ausführung alle Fäden in der Hand behielten.

Man kann gespannt sein, wie sich das Modell im Markt durchsetzen wird.

Bisher ist der Marktanteil noch tief. Die Kostengarantie selber dürfte kaum der Grund sein für die geringe Verbreitung. Diese ist nämlich von sehr guter Qualität und durchaus vergleichbar mit derjenigen des Generalunternehmermodells. Vermutlich erscheint das neue Modell vielen Bauherren noch etwas unvertraut und gewöhnungsbedürftig.

Es vereint aber das Beste aus zwei Welten: den direkten Draht des Bauherrn zum Planerteam mit einer absolut konkurrenzfähigen Kostengarantie.


Textgeschichte
Dieser Text ist die leicht bearbeitete Fassung einer Kolumne von mir, die im September 2014 in der Zeitschrift «intelligent bauen» (Fachkom GmbH, Langnau a.A.) erschienen ist (Seite 82).
Die Kolumne basiert auf einer umfassenderen Darstellung des Themas in meinem Buch «Mit wem baue ich? – Bauausführung aus Bauherrensicht» (Jahr 2013). Siehe dazu das Kapitel 13 «Kostengarantievertrag SIA» ab Seite 397.
Siehe auch Buchhinweis am Ende des Sammelbeitrags.

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Buch «Mit wem baue ich?» als Quelle

Die Texte in diesem Sammelblogbeitrag «Kolumnen über das Vertragswesen in der Bauwirtschaft» basieren auf meinem Buch «Mit wem baue ich? – Bauausführung aus Bauherrensicht (2013)» .

Dieses Buch beschreibt auf rund 500 Seiten die wichtigsten Varianten der Projektrealisierung. Dazu gehören das Architektenmodell, das Generalunternehmermodell oder der Kostengarantievertrag SIA.

Rund die Hälfte des Buches ist in Form von umfangreichen Leseproben verfügbar. Sie umfassen die Ausführungen zur SIA-Norm 118 und die Beschreibung des VSGU-Mustervertrags.

Näheres zum Buch hier >>>

Geschichte dieses Blogbeitrags

Der vorliegende Blogbeitrag «Kolumnen über das Vertragswesen in der Bauwirtschaft» ist ein Sammelbeitrag von vier Texten, die zunächst eigenständige Blogbeiträge gewesen sind.

Die vier Beiträge sind ursprünglich am 27. Februar 2018 publiziert worden.

Publikationsdatum des Sammelbeitrags: 10. Februar 2020


Dieser Blog enthält Dutzende von Fachbeiträgen, die sich primär an Bauherrschaften richten. Sie sind gegliedert nach Sachgebieten. Die beiden wichtigsten Themenbereiche sind «Honorarfragen» und «Bauen mit einem Architekten». Benutzen Sie das Menu, um zu der Fragenkategorie zu gelangen, die Sie besonders interessiert. – Hans Röthlisberger, Bauherrenberater, Gwatt (Thun) / Schweiz


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