Gibt es ein Architektenhonorar «nach SIA»?

Bis etwa zum Jahr 2000 hat man davon sprechen können, dass es für Bauplanungsleistungen so etwas wie ein «SIA-Honorar» gibt. Darunter ist die Tatsache zu verstehen, dass das Honorar für die gleiche Planungsaufgabe bei unterschiedlichen Architekturbüros etwa gleich hoch ist, und zwar geregelt durch eine Berechnungsmethode des SIA.

Der Bruch mit der historischen Methode der Honorarermittlung «nach SIA» setzt einige Jahre vor 2000 ein.  In dieser Zeit kommt die Berechnungsmethode zunehmend unter Druck, und zwar durch die Wettbewerbsbehörden des Bundes (Wettbewerbskommission WEKO). Um 2000 setzt sich die WEKO mit ihrer Sicht durch, die damalige Art der Honorarberechnung als kartellistische Preisabsprache zu betrachten. Die historische Honorarformel, der gute alte Kostentarif, wird verboten.

Seit der Ausgabe 2003 der Familie der SIA-Honorarordnungen (z.B. 102 für Architektenleistungen) gibt es eine neue Art der Honorarermittlung. Sie ist ursprünglich als Zeitaufwandmodell bezeichnet worden, aber dieser Begriff  ist im Laufe der Zeit etwas in Vergessenheit geraten. Die massgebliche Art der Honorarermittlung trägt den Namen «Honorarberechnung nach den aufwandbestimmenden Baukosten». Sie ist geregelt in Artikel 7 der Familie der SIA-Honorarordungen 102 ff.

Wie es schon der Name sagt, steht bei der neuen Honorarformel der Zeitaufwand für eine Planungsaufgabe im Zentrum des Interesses. Der SIA hat sich nämlich mit der WEKO darauf einigen können, dass die Jahrzehnte alte Honorarformel in angepasster Form beibehalten werden darf. Nicht mehr das eigentliche Honorar ist jedoch das Hauptergebnis der Formel, sondern der erforderliche mutmassliche Zeitaufwand.

Der von der Honorarformel ausgewiesene Zeitaufwand gilt, und dies ist ein wesentliches Element dieser Berechnung, für ein durchschnittlich produktives Planerteam. Wenn ein Planerteam überdurchschnittlich produktiv ist, kann der Zeitaufwand anhand des so genannten Teamfaktors i angepasst werden. Der «durchschnittliche» Zeitaufwand wird dadurch zum «auftragsspezifisch prognostizierten» Zeitaufwand.

Wenn der Zeitaufwand anhand der Honorarformel einmal vorliegt, müssen die prognostizierten Stunden mit den Stundenansätzen multipliziert werden. Hier hört der Einflussbereich des SIA auf. Seit etwa 2000 gibt es keine Stundenansätze nach SIA mehr. Jedes Planungsbüro muss seine Ansätze selber berechnen. Da diese von Büro zu Büro variieren, gibt es somit auch kein einheitliches SIA-Honorar mehr.

Wenn man die oben genannte überarbeitete Honorarformel nach SIA-Honorarordnung  102 ff. angewendet, kommt man zwar noch zu einem durchschnittlichen Zeitaufwand «nach SIA »für die Planungsaufgabe, nicht aber zu einem Honorar in Franken «nach SIA».


Literaturhinweis:
Mein Buch «Bauplanerhonorare – Ratgeber für Bauherren» (2017).
Nähere Angaben hier >>>


Dieser Blog enthält Dutzende von Fachbeiträgen, die sich primär an Bauherrschaften richten. Sie sind gegliedert nach Sachgebieten. Die beiden wichtigsten Themenbereiche sind «Honorarfragen» und «Bauen mit einem Architekten». Benutzen Sie das Menu, um zu der Fragenkategorie zu gelangen, die Sie besonders interessiert. – Hans Röthlisberger, Bauherrenberater, Gwatt (Thun) 


 

 

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