Vollmacht des Architekten

Lesedauer ca. 2 Minuten


Die Stellvertretertätigkeit des Architekten für seinen Bauherrn wird mit einer Vollmacht geregelt, die ihm der Auftraggeber einräumt. Der Umfang dieser Vollmacht hat sich in jahrzehntelanger Tradition im Bauplanungsgewerbe herausgebildet. Sie ist in den Grundzügen beschrieben in der SIA-Honorarordnung 102.

Im Allgemeinen bewährt sich der Umfang der Vollmacht in der Praxis gut. Ohne dass viel darüber gesprochen wird, wissen die Beteiligten intuitiv, was ihre Rollen sind.

Projektbezogen sind aber durchaus Abweichungen von den Standardvereinbarungen zur Vollmacht möglich. Es gibt nämlich Bauherren, die möglichst viel, aber auch solche, die möglichst wenig delegieren wollen. Dies kann zum Beispiel die Vertragsverhandlungen mit den Werkunternehmern vor dem Vertragsabschluss betreffen.

Grundsätzlich nicht delegierbar sind aus meiner Sicht Bestellungen von Bauleistungen. Nur die Bauherrschaft darf bestellen, nicht der Architekt.

Dieser Grundsatz gilt auch dort, wo in der Praxis die Bauleitung eigenmächtig Mehrbestellungen auslöst, weil sie ohnehin nötig sind. Es gibt hier also gar keine Wahlfreiheit. Notwendige Mehrbestellungen treten etwa dann auf, wenn im Werkvertrag des Werkunternehmers Lücken festgestellt werden: Die auszuführenden Mengen (zum Beispiel Wandverputze durch Gipser) sind grösser als die bestellten. Oder es zeigt sich, dass eine zusätzliche Leistungsposition nötig ist (der Gipser benötigt ein bisher nicht vorgesehenes Gerüst).

Häufig ergeben sich notwendige Mehrbestellungen auch beim Eintreten von Projektrisiken. Wenn beim Baugrubenaushub mehr Fels zum Vorschein kommt als angenommen, hat man keine Wahl: Der zusätzlich angetroffene Feld muss ebenfalls abgetragen werden. Eine Mehrbestellung im Vergleich zum Werkvertrag ist also ohnehin notwendig.

Die Bauherrschaft tut gut daran, dem Architekten klar zu machen, dass er keine Vollmacht hat, derartige notwendige Mehrbestellungen selber auszulösen. Sonst bleiben sie nämlich unsichtbar für die Bauherrschaft und sie erkennt erst beim Eintreffen der Rechnung des Werkunternehmers, dass Mehrbestellungen erfolgt sind, die neben ihr vorbei gelaufen sind.

Auch notwendige Mehrbestellungen sollen zuerst der Bauherrschaft unterbreitet werden.


Dieser Blog enthält Dutzende von Fachbeiträgen, die sich primär an Bauherrschaften richten. Sie sind gegliedert nach Sachgebieten. Die beiden wichtigsten Themenbereiche sind «Honorarfragen» und «Bauen mit einem Architekten». Benutzen Sie das Menu, um zu der Fragenkategorie zu gelangen, die Sie besonders interessiert. – Hans Röthlisberger, Bauherrenberater, Gwatt (Thun) 


 

 

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