Ein Bau ist kein Prototyp

Lesedauer ca. 2 Minuten


Wie oft hat man diese Aussage schon gehört: «Ein Bau ist halt ein Prototyp». Oft dient sie als Entschuldigung dafür, wenn auf dem Bau etwas nicht rund läuft, wenn Kosten überschritten und Termine nicht eingehalten werden.

Im Grunde will man mit dem Argument des Prototyps aussagen, dass sich beim Bauen nicht alles Planen lasse. Aus meiner Sicht trifft dies aber nur in geringem Ausmass zu. Wahre Prototypen sind sehr selten. Die Elbphilharmonie in Hamburg dürfte beispielsweise als Prototyp zu betrachten sein. Wie es typisch ist für einen Prototyp, sind darum auch die Kosten im Voraus nur schwer kalkulierbar.

Aber bei einem normalen Standardprojekt wie etwa einer Wohnsiedlung oder einem Geschäftshaus ist nur ein kleiner Teil nicht völlig planbar. Dazu gehören etwa Baumassnahmen im Zusammenhang mit dem Baugrund oder Unwägbarkeiten hinsichtlich des Wetters. Auch bei Umbauten und Sanierungen ist in aller Regel mit Überraschungen zu rechnen.

Das meiste beim Bauen jedoch ist vollumfänglich planbar und somit kontrollierbar. Folglich handelt es sich bei einem baulichen Projekt auch nicht um einen Prototyp. Man könnte eher von einer Variantenkonstruktion sprechen. Dieser Begriff stammt aus dem Maschinen- und Anlagenbau. Kaum eine Maschine ist genau gleich wie die andere. Unter dem Stichwort «Losgrösse 1» ist jede genau auf die Bedürfnisse des Kunden konfiguriert. Dies kann sowohl bei Produktionsmaschinen der Fall sein (Fräsmaschinen, Montageroboter etc.), aber auch bei Konsumgütern wie einem Auto. Eine Variantenkonstruktion ist somit vielfach ein Unikat – aber kein Prototyp.

Auch ein übliches Bauprojekt weist «Losgrösse 1» auf. Es ist daher zweifellos ein Unikat, aber kein Prototyp.


Textgeschichte

Dieser Text ist die leicht bearbeitete Fassung einer Kolumne, die im April 2014 in der Zeitschrift «intelligent bauen» (Fachkom GmbH, Langnau a.A.) erschienen ist (Seite 72). Die Kolumne greift einen Gedanken aus dem Buch «Günstiger bauen» von Hans Röthlisberger aus dem Jahr 1999 auf (Absatz «Irrtum 4: Ein Bau ist ein Prototyp». Seite 27).


Dieser Blog enthält Dutzende von Fachbeiträgen, die sich primär an Bauherrschaften richten. Sie sind gegliedert nach Sachgebieten. Die beiden wichtigsten Themenbereiche sind «Honorarfragen» und «Bauen mit einem Architekten». Benutzen Sie das Menu, um zu der Fragenkategorie zu gelangen, die Sie besonders interessiert. – Hans Röthlisberger, Bauherrenberater, Gwatt (Thun) 


 

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